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Risikoanalysen und Ausbreitungsszenarien

„Was-wäre-wenn?“ - das ist die Frage, die jeglicher Art von Risikoanalyse zu Grunde liegt. Da es am JKI um Kulturpflanzen und vor allem Agrarökosysteme geht, in denen sie vorkommen, befassen sich unsere Risikoanalysen mit den ökonomischen Konsequenzen, die die Ein- und Ausfuhr von Pflanzen und pflanzlichen Produkten haben können. Dem Internationalen Pflanzenschutzübereinkommen - kurz IPPC - entsprechend, beinhalten diese ökonomischen Konsequenzen Auswirkungen auf die Umwelt, die Artenvielfalt, aber auch soziökonomische Auswirkungen auf die Land- und Forstwirtschaft, den Handel, Tourismus oder die Kultur.

Welche Schädlinge, Krankheiten und Pflanzen aus fremden Ländern könnten zu uns eingeschleppt werden, auf welchem Weg, und wie wahrscheinlich ist das? Können diese Schädlinge in unserem Klima überleben? Finden sie hier ausreichend Nahrung? Wie schnell könnte sich die Krankheit, das Insekt, die Pflanze hier ausbreiten? Um diese Fragen zu beantworten, gibt es am JKI ein spezialisiertes Fachinstitut, das mit den Experten anderer Institute zusammenarbeitet, wenn es um bestimmte Schaderreger geht.

Risikoanalysen dienen dazu,

  • problematische Organismen zu identifizieren und charakterisieren (und zwar frühzeitig, hinreichend und sicher)
  • Gegenmaßnahmen zu erarbeiten und diese zu koordinieren (die Maßnahmen müssen wirksam und praktikabel sein und möglichst geringe Auswirkung auf Handel und Produktion haben)
  • die Ergebnisse zu kommunizieren u. a. mittels eines Frühwarnsystems oder wissenschaftlicher Publikationen (an die Länderbehörden, an das zuständige Ministerium, an die EU-Gremien, die Mittelmeeranrainerstaaten bzw. international)

Beispiele für Schäden für die Land- und Forstwirtschaft

Der Kartoffelkrebs, Synchytrium endobioticum, ist eine unter Kartoffelanbauern gefürchtete Pilzkrankheit. Die Infektion mit dem Erreger zieht wirtschaftlich Schäden beträchtlichen Ausmaßes nach sich. Bei Befall drohen bis zu 20 Jahre Anbauverbot. Die betroffene Fläche ist bis zu 40 Jahre verseucht. Die einzige wirksame Möglichkeit der Bekämpfung ist der Anbau von Sorten, die möglichst gegen alle fünf in Deutschland bisher registrierten Pilz-Rassen resistent sind.

Der Kiefernholznematode, Bursapehelenchus xylophilus, ist ein Fadenwurm, der als Quarantäneschadorganismus eingestuft ist. Aus seiner ursprünglichen Heimat Nordamerika wurde er bereits vor 100 Jahren nach Japan eingeschleppt. Über den Umweg Asien gelangte er 1999 nach Europa. Inzwischen sind ganz Portugal und die Insel Madeira befallen, Seestrandkiefern sind hier flächendeckend abgestorben. Einzelne Ausbrüche in Spanien unterliegen der Ausrottung. Da unsere heimische Kiefer, Pinus sylvestris, ebenfalls anfällig gegen diese Nematodenart ist, werden große Anstrengungen unternommen, um eine weitere Einschleppung bzw. Ausbreitung zu verhindern.

Beispiele für Schäden für die Umwelt

Der japanische Staudenknöterich, Fallopia japonica, ist ein invasiver Neophyt, der sich rasant in Deutschland ausbreitet und dabei die einheimische Flora verdrängt. Die Pflanzen verursachen Probleme bei der Verkehrssicherheit im Straßenbereich und an Bahndämmen. Der Natur- und Landschaftsschutz beklagt die Erosionen im Uferbereich von kleinen Fließgewässern und Bachläufen und an Hängen.

Der Asiatische Laubholzbockkäfer (ALB), Anoplophora glabripennis, wird meist mit nicht sachgemäß behandeltem Verpackungsholz (Paletten) eingeschleppt. In Europa haben bisher Österreich, Frankreich, die Niederlande, die Schweiz, Großbritannien, Italien und Deutschland Befallsherde vermeldet. Einige der Befallsherde konnten erfolgreich ausgerottet werden. Zu den Ausrottungsmaßnahmen gehört das Fällen und Vernichten sowohl befallener Wirtsbäume sowie benachbarter potenzieller Wirtsbäume. Da das Wirtspflanzenspektrum des ALB viele Laubgehölze, unter ihnen Ahorn, Rosskastanie, Weide und Pappel, umfasst, würde er bei Nichtbekämpfung das Antlitz unserer Städte, Parks, Gärten und Wälder nachhaltig verändern.

Beispiele für wirtschaftliche und kulturelle Schäden

Das vom amerikanischen Kontinent stammende Bakterium, Xylella fastidiosa, wütet seit 2013 in den Olivenhainen Italiens. Die Olivenölproduktion kommt dort derzeit zum Erliegen, Familienbetriebe verlieren ihr Einkommen und eine uralte Kulturlandschaft und die mit ihr verbundenen Traditionen werden Opfer dieses Quarantäneschaderregers. Mit weit mehr als 300 Pflanzenarten hat das Bakterium einen riesigen Wirtspflanzenkreis, der von Reben über Pflaume, Mandel, Zitrusfrüchte, Kaffee bis hin zu Oleander reicht. Im Xylem saugende Zikaden spielen als Überträgerinsekten eine große Rolle bei der Verbreitung der Krankheit. Die EU hat im Zusammenhang mit dem Befall in Italien und Frankreich 2013 und 2015 den Durchführungsbeschluss 2015/789/EU erlassen. In ihm wurden Maßnahmen zur Verhinderung der weiteren Verschleppung des Erregers innerhalb der EU festgelegt. Details finden Sie in einem Faltblatt des JKI (Xylella fastidiosa (Well et Raju) - Ein Bakterium mit großem Schadpotential für viele Pflanze).

Dagegen nimmt sich die Beifußambrosie, Ambrosia artemisiifolia, geradezu harmlos aus. Dennoch geht von der ursprünglich aus Nordamerika stammenden Pflanze, die vor ca. 150 Jahren erstmals in Deutschland gefunden wurde, eine ernst zu nehmenden gesundheitliche Gefahr aus. Der Pollen der im Spätsommer blühenden Pflanze ist besonders stark Allergie auslösend: Bei vielen Menschen tritt Heuschnupfen auf. Auch Menschen, die sonst nicht auf Pollen reagieren, können allergische Symptome bekommen. Zudem entwickelt ein besonders hoher Anteil der Ambrosia-Allergiker Asthma. Würde man diese Pflanze, deren Samen vor einigen Jahren noch mit verunreinigten Sonnenblumenkernen in Vogelfuttermischungen verbreitet wurde, nicht zurückdrängen, würde der Anteil der Allergiker drastisch steigen und damit der Bedarf an Medikamenten. Die Pflanze wird in Deutschland und vielen europäischen Ländern als unerwünscht eingestuft. Sie kann (siehe Vogelfutter) als Ackerunkraut in landwirtschaftlichen Kulturen schädlich werden wie in Ungarn in Sonnenblumenkulturen.