Institut für Bienenschutz
In den letzten Jahren wurde durch eine Reihe wissenschaftlicher Veröffentlichungen ein Rückgang bei Fluginsekten in Deutschland belegt. Davon betroffen sind auch Wildbienen, die einen Großteil der Bestäubungsleistung von Wild- und Kulturpflanzen erbringen. Von den über 600 Wildbienenarten in Deutschland gibt es in der Gattung der Hummeln (Bombus) mit insgesamt 41 Arten besonders starke Rückgänge. Drei Hummelarten werden auf der aktuell gültigen Roten Liste der Bienen Deutschlands von 2011 als ausgestorben geführt, seitdem sind viele Arten weiter stark zurückgegangen. In der Roten Liste der Bienen Niedersachsens und Bremens von 2002 sind 21 Hummelarten verzeichnet, davon wurden 3 Arten (Bombus confusus, B. pomorum, B. wurfleni) als Verschollen, 2 Arten (B. ruderatus, B. veteranus) als vom Aussterben bedroht, 4 Arten (B. distinguendus, B. humilis, B. muscorum, B. ruderarius) als stark gefährdet und 3 Arten (Bombus jonellus, Bombus soroeensis, Bombus sylvarum) als gefährdet eingestuft. Während sich beispielsweise Erdhummeln und Ackerhummeln gut auf anthropogene Landschaftsveränderungen einstellen konnten und auch in Städten gut zurechtkommen, haben die gefährdeten Arten erhöhte Habitatansprüche und limitierte Anpassungsfähigkeiten. Seit dem Erscheinen der Roten Liste im Jahr 2002 haben bei den gefährdeten Hummelarten weitere, zum Teil sehr massive Bestandsrückgänge stattgefunden, wodurch das lokale Aussterberisiko weiter steigt, z.B. wurde die Deichhummel (B. distinguendus) in den letzten Jahren nicht mehr in Niedersachsen gefunden. Gründe für die Rückgänge sind der Landnutzungswandel und technische Innovationen in der Landwirtschaft, verbunden mit einem Rückgang geeigneter Nahrungspflanzen und Nistmöglichkeiten. So hat die Erfindung des Kunstdüngers zu einem massiven Rückgang des Anbaus von stickstoffbindenden Pflanzen, wie Rotklee, geführt, die die Hauptnahrungspflanzen vieler Hummelarten sind. Darüber hinaus wurde Rotklee auch als Futterpflanze für die Fütterung der in der Landwirtschaft eingesetzten Zugtiere angebaut. Dieser großflächige Futterbau ist durch den Einsatz von Traktoren massiv eingebrochen. Die Flurbereinigung mit der Zusammenlegung von Ackerschlägen hat zu einem Rückgang von ungestörten Strukturelementen, wie Wegseitenrändern und Heckenstrukturen geführt, in denen die Hummeln Nistmöglichkeiten finden können. Der Rückgang der Beweidung im Grünland zugunsten einer häufigen Mahd führt zu einer Zerstörung der Nester der Hummelarten, die in der Vegetation auf der Oberfläche nisten, und zu einer erheblichen Abnahme der Blühpflanzen. Der Klimawandel ist als ein weiterer bedeutender Stressor für die kälteangepassten Hummelarten anzusehen. Zudem gibt es viele hummelspezifische Parasiten, wie Wachsmotten und Erzwespen und Raubtiere, wie Dachse, Marder und Waschbären, die die Völker massiv schädigen und vollständig zugrunde richten können. Diese Stressoren können sich zu den einzelnen Phasen des Lebenszyklus der Hummeln verschieden stark bemerkbar machen und gegenseitig verstärken. Besonders kritisch ist die Überwinterung und die anschließende Nestgründungsphase, die zahlreiche Jungköniginnen nicht überstehen. Aufgrund dieser Faktoren gibt es zahlreiche Ausfälle und viele Königinnen schaffen es nicht erfolgreich Völker und damit Geschlechtstiere zu bilden. Obwohl durch Naturschutzmaßnahmen in den vergangenen Jahren zahlreiche Gebiete in Niedersachsen renaturiert wurden und dadurch wieder geeignete Bedingungen als Lebensraum für Hummeln bieten sollten, konnte bislang keine Trendumkehr bei den gefährdeten Arten beobachtet werden. Vermutlich sind die Bestände der seltenen Arten zu klein und räumlich isoliert, um renaturierte Habitate eigenständig wieder zu besiedeln und stabile Populationen aufbauen zu können. Gemäß der Verordnung (EU) 2024/1991 sind die Mitgliedstaaten der EU verpflichtet, die Vielfalt der Bestäuber zu verbessern und den Rückgang der Bestäuberpopulationen bis spätestens 2030 umzukehren und anschließend einen steigenden Trend bei den Bestäuberpopulationen zu erreichen. Um dies zu erreichen soll eine Bestandsstützung von seltenen Hummelarten als Artenhilfsmaßnahme in Niedersachsen erfolgen, indem Königinnen und Völker dieser Hummelarten in den besonders kritischen Phasen des Lebenszyklus, wie der Volksgründung und Etablierung, artspezifisch unterstützt werden. Anschließend werden die unter Betreuung etablierten Völker in geeignete Habitate in Niedersachsen gebracht und dadurch eine aktive Bestandserhöhung und eventuelle Wiederansiedlung in der Zielregion erreicht.
Bundesland Niedersachsen