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Geschichte des Julius Kühn-Instituts

Gründung und Aufgaben

Mit Inkrafttreten des Gesetzes zur Neuordnung der Ressortforschung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), jetzt Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), erhielt der Forschungsbereich des Ministeriums zum 1. Januar 2008 eine neue Struktur. Die bisher bestehenden sieben Bundesforschungsanstalten wurden zu vier Bundesforschungsinstituten zusammengeführt. Sie bearbeiten die vier Schutzziele Pflanze, Tier, Ernährung und Lebensmittel sowie Ländliche Räume, Wald und Fischerei.

Gemäß des Konzepts für eine zukunftsfähige Ressortforschung wurde das Julius Kühn-Institut aus der ehemaligen Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA), der ehemaligen Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen (BAZ) und zwei mit pflanzenbaulichen Themen befassten Instituten der ehemaligen Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) gebildet.

Damit wurden im Julius Kühn-Institut maßgebliche Kompetenzen rund um die Kulturpflanze gebündelt und die Kulturpflanzenforschung des Bundes unter einem Dach vereinigt. Als selbständige Bundesoberbehörde und Bundesforschungsinstitut ist das heutige Julius Kühn-Institut als Ressorteinrichtung für alle Fragen zuständig, die das Schutzziel "Kulturpflanze" betreffen. Diese Zuständigkeit umfasst die Bereiche Pflanzengenetik, Pflanzenbau, Pflanzenernährung und Bodenkunde sowie Pflanzenschutz und Pflanzengesundheit. Damit kann das JKI ganzheitliche Konzepte für den gesamten Pflanzenbau, für die Pflanzenproduktion bis hin zur Pflanzenpflege entwickeln. Dies umfasst die behördlichen Aufgaben und die Forschung in den oben genannten Kompetenzbereichen gleichermaßen.

Vorgängereinrichtungen

Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA)

Am 28. Januar 1898 wurde auf Drängen verschiedener Abgeordneter und Wissenschaftler (u. a. Professor Julius Kühn) am Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin zunächst die Biologische Abteilung für Land- und Forstwirtschaft errichtet. Zeitgleich wurden Bauplanungen für eine eigenständige Forschungsanstalt eingeleitet. Am 1. April 1905 wurde aus der Biologischen Abteilung die selbständige Kaiserliche Biologische Anstalt für Land- und Forstwirtschaft gebildet, die ein neues, extra für ihre Zwecke errichtetes Gebäude in Berlin-Dahlem bezog. Ein wichtiger Auslöser für diese Gründung waren Hungersnöte, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts auftraten. Neben Missernten aufgrund von Kriegen und Extremwetterereignissen wurden Pflanzenkrankheiten und Schädlingskalamitäten als Ursachen für die Vernichtung der Ernten und damit der Lebensgrundlage der Menschen erkannt. Es wurde deutlich, dass die Ernährung der Bevölkerung nur auf der Basis weiterer Ertragssteigerungen der Landwirtschaft in Deutschland gesichert werden konnte.

Die Förderung der Kulturpflanzen, ihre Kultur, ihre Züchtung und der Pflanzenschutz insbesondere durch Forschung und Umsetzung der Forschungsergebnisse in die Praxis wurden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts als gesamtstaatliche Aufgabe erkannt. Die Hauptaufgaben der Kaiserlichen Biologischen Anstalt für Land- und Forstwirtschaft umfassten u. a. die Erforschung der Lebensbedingungen und Bekämpfung der Schädlinge der Pflanzen, das Studium der Nützlinge, das Studium der für die Landwirtschaft nützlichen und schädlichen Mikroorganismen, die Untersuchung der durch anorganische Einflüsse hervorgerufenen Schädigungen der Land- und Forstkulturen sowie Forschungen auf den Gebieten der Bienenzucht und Fischzucht. Ihren Anfang nahmen in dieser Zeit auch Arbeiten, die in den Bereich der vorbeugenden Pflanzenschutzmaßnahmen fallen, wie Resistenzzüchtung und der weitere Ausbau des Melde- und Warndienstes.

Professor Julius Kühn war dieser Einrichtung als Mitglied ihres Beirates jahrelang eng verbunden. Die Einrichtung war bestrebt, eine enge Vernetzung der Forschungs- wie der Beratungs- und Kontrolleinrichtungen herbeizuführen. Dem entsprechend wurde unter damaliger Federführung der Kaiserlichen Biologischen Anstalt der Pflanzenschutz in Form von Hauptsammelstellen der Länder, den heutigen Pflanzenschutzdiensten der Bundesländer, staatlich organisiert. Bereits damals waren Wissenschaftler der Kaiserlich Biologischen Anstalt auch in Hochschulen aktiv, so war ihr erster Direktor Dr. A. B. Frank zugleich Professor für Botanik an der Königlichen Landwirtschaftlichen Hochschule zu Berlin. Im Jahr 1919 wurde die Einrichtung in Biologische Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft umbenannt.

Nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde zunächst die Biologische Zentralanstalt für Land- und Forst-wirtschaft als gemeinsame Einrichtung aller Sektoren gebildet. Die Teilung Deutschlands war mit ihrer Aufspaltung verbunden: Die in Kleinmachnow bereits im Jahr 1946 gebildete Biologische Zentralanstalt für Land- und Forstwirtschaft wurde zur Nachfolgeorganisation der alten Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft in der DDR. In Braunschweig wurde im Jahr 1952 unter Einbeziehung des in Berlin-Dahlem verbliebenen Teils der Biologi¬schen Zentralanstalt die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft Berlin und Braunschweig gebildet.

Nach der Wiedervereinigung

Nach der Herstellung der Einheit Deutschlands wurde die Biologische Zentralanstalt Kleinmachnow vom Wissenschaftsrat evaluiert. Aufgrund der überaus positiven Empfehlungen des Wissenschaftsrates wurden Teile der Biologischen Zentralanstalt in den Jahren 1990 und 1991 wieder in die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft eingegliedert und eine Außenstelle mit drei Instituten in Kleinmachnow eingerichtet.

Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL)

Vor dem Hintergrund der mangelhaften Ernährungslage infolge des Zweiten Weltkriegs und der Notwendigkeit, die landwirtschaftliche Produktion Deutschlands deutlich zu steigern, wurde in Braunschweig im Jahr 1947 als Einrichtung des Landes Niedersachsens die Forschungsanstalt für Landwirtschaft Braunschweig-Völkenrode gegründet. Nach Überführung in die Zuständigkeit des Bundes wurde sie im Jahr 1977 in Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft Braunschweig-Völkenrode umbenannt.

Charakteristisch für diese Einrichtung war das breite Themenspektrum, das die vier Forschungsfelder Boden/Pflanze, Tier, Technik und Ökonomie umfasste. Nach zahlreichen Umstrukturierungen wurden in der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft u. a. das Institut für Pflanzenbau und Grünlandforschung und das Institut für Pflanzenernährung und Bodenkunde gebildet. Diese beiden dem damaligen Forschungsfeld Boden/Pflanze zugehörigen FAL-Institute wurden zum 1. Januar 2008 dem heutigen Julius Kühn-Institut zugeordnet.

Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen (BAZ)

Die Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen wurde auf Empfehlung des Wissenschaftsrates zum 1. Januar 1992 mit Hauptsitz in Quedlinburg gegründet. Auch die ehemalige Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen blickt auf eine lange, allerdings sehr diversifizierte Historie zurück: Die systematische wissenschaftsbasierte Züchtung an Obstkulturen begann in Deutschland bereits mit der Bildung der Höheren Staatslehranstalt für Gartenbau in Dresden-Pillnitz im Jahr 1922.

Teile der ehemaligen Bundesanstalt für Züchtungsforschung (z. B. Institut für Phytopathologie in Aschersleben, Institut für Züchtungsforschung in Quedlinburg, Institut für Kartoffelforschung in Groß Lüsewitz, Institut für Obstforschung in Dresden-Pillnitz) gehörten in der DDR zur Akademie der Landwirtschaftswissenschaften. Andere Teile, wie die Rebenzüchtung in Siebeldingen oder die Zierpflanzenzüchtung in Ahrensburg, waren bis 1992 eigenständige Bundesforschungsanstalten. Interessanterweise waren einige Forschungsinstitute, beispielsweise in Aschersleben, ursprünglich aus Außenstellen der alten Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts hervorgegangen.

Namensgeber Julius Kühn

Benannt wurde das neue Bundesforschungsinstitut nach Professor Julius Kühn (1825- 1910), dem Begründer und Gestalter des Universitätsstudiums der Agrarwissenschaften in Deutschland. Er gilt als einer der wichtigsten Begründer der modernen Phytopathologie. Julius Kühn wurde 1862 zum ersten ordentlichen Professor für Landwirtschaft an der Universität Halle ernannt. 1863 erhielt er die ministerielle Genehmigung zur Errichtung eines selbstständigen Instituts, das er in den folgenden vierzig Jahren zur bedeutendsten agrarwissenschaftlichen Lehr- und Forschungsstätte Deutschlands ausbaute. Neben vielen anderen Aktivitäten war er auch Mitglied des Beirats der Kaiserlichen Biologischen Anstalt für Land- und Forstwirtschaft. Seit 1979 vergibt die Deutsche Phytomedizinische Gesellschaft (DPG) den Julius-Kühn-Preis an junge Wissenschaftler unter 40 für herausragende wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Phytomedizin.

Die erste Lebenshälfte (1825 – 1862)

Diese galt ausschließlich einer praktisch-wissenschaftlichen Tätigkeit. Julius Kühn wurde am 25. Oktober 1825 in Pulsnitz in der Oberlausitz geboren. Nach Schulbesuch, dem Schulwechsel an die Realschule und anschließend an die Technische Bildungsanstalt (späteres Polytechnikum) in Dresden wurde er im Anschluss an seine praktische Lehre im väterlichen Betrieb landwirtschaftlicher Verwalter und bereits in jungen Jahren leitender Beamter in verschiedenen großen landwirtschaftlichen Betrieben.
Schon diese Zeit führte zur Herausgabe seines ersten großen berühmt gewordenen und Epoche machenden Werkes „ Die Krankheiten der Kulturgewächse, ihre Ursachen und ihre Verhütung“. Dieses Werk fand den ungeteilten Beifall der damaligen wissenschaftlichen Welt, unter anderem auch von Humboldt, Justus von Liebig, Cohn, Göppert, Rabenhorst. Dieses Buch und sein zweites großes Werk „Die zweckmäßige Ernährung des Rindviehs“ (13 Auflagen) begründeten weitgehend seinen wissenschaftlichen Ruf.

1855/56 wurde ihm vom damaligen Landwirtschaftsminister ein zweisemestriges Studium in Bonn-Poppelsdorf gewährt, das er mit bestem Erfolg absolvierte. Während seiner anschließenden Dozententätigkeit an der landwirtschaftlichen Akademie in Proskau/Oberschlesien promovierte er an der philosophischen Fakultät in Leipzig mit dem Dissertationsthema „Über den Brand des Getreides und das Befallen des Rapses und über die Entwicklung des Maisbrandes“. So führten seine Forschungstätigkeit und die Leistung großer landwirtschaftlicher Betriebe zum Vorschlag einer Professur nach Halle. Berlin schlug er wegen des Umfanges der Großstadt aus, „während in Halle, inmitten der intensivsten Landwirtschaftsbetriebe, ein guter Erfolg voraussichtlich erreichbar sei“.
Bei der Ackerbautagung der 1885 gegründeten Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft regte Kühn die Errichtung eines Netzes von Beobachtungsstellen für Pflanzenkrankheiten an, den Vorläufern der heutigen Pflanzenschutzdienste der Bundesländer.

Die zweite Lebenshälfte (1862 – 1910)

Die begann und endete in Halle. 1862 wurde er Professor für Landwirtschaft an der Philosophischen Fakultät der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg, jetzt Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bei seiner Übersiedlung nach Halle sagte er: „Möchte es mir vergönnt sein, auch hier als guter Ackermann und Sämann befunden zu werden.“ Am 28. Oktober 1862 hielt Kühn seine Antrittsvorlesung. Sein Lehrstuhl wurde vom Lehrkörper der Universität nicht voll begrüßt; ein Historiker äußerte sogar: „Wir haben jetzt einen Mistprofessor“. Auch galt er oft als „schwieriger Beamter“ mit seinem unermüdlichen Durchsetzungsvermögen.

Neben der Errichtung des weltbekannt gewordenen „Haustiergartens“ mit 130 Tierarten und 1000 Tieren zur Tierzuchtforschung sowie zu Fütterungs- und Haltungsfragen errichtete er 1865 eine „Versuchsstation des Landwirtschaftlichen Instituts der Universität Halle“ mit dem 115 ha großen Versuchsfeld, auf dem seit 1878 der in der Welt ebenfalls bekannt gewordene „Roggen-Dauerversuch“ (Ewiger Roggenbau) durchgeführt wird.

Die Errichtung des Landwirtschaftlichen Instituts in Halle wurde Vorbild für landwirtschaftliche Institute in Deutschland sowie in vielen anderen Ländern. – Im Gegensatz zu den in Deutschland schon bestehenden landwirtschaftlichen Akademien, wie Hohenheim, Möglin und anderen, trat er schon 1853 für eine klare Trennung von Studium und Praxis ein, d. h.  für die gründliche praktische Ausbildung vor dem Studium.

Seine Vorlesungen besuchten anfangs nur einige Studenten, doch schon in wenigen Jahren bis über 300 je Semester. In den 92 Semestern, die er von 1862 bis 1909 las, hörten bei ihm etwa 21 000 Landwirte, davon über 5000 Ausländer. Er fesselte seine Hörer mit seiner Überzeugungskraft, der Tiefe seines Vortrages sowie mit der Güte und Lauterkeit seines Charakters. Dies brachte ihm die Treue seiner Schüler ein. Als äußeres Zeichen seiner Wertschätzung erhielt er 1888 von ihnen den Ehrentitel „Vatter Kühn“. Bei allem blieben ihm aber schwere menschliche Schicksalsschläge nicht erspart.
Erwähnt werden muss abschließend die Vielzahl seiner größeren Veröffentlichungen über alle damaligen aktuellen Fragen der gesamten Landwirtschaft, dabei vor allem auch des Pflanzenschutzes und der Phytopathologie. Allein in den ersten 40 Jahren von 1852 bis 1891 veröffentlichte er 242 Schriften, davon 142, also bald 2/3, über Pflanzenschutz.

Julius Kühn hat zahlreiche Würdigungen und Ehrungen schon zu seinen Lebzeiten erhalten. Unter anderem viele staatliche Orden aus dem In- und Ausland, unter anderem den „Großherzoglich Sächsische Hausorden der Wachsamkeit oder vom weißen Falken“. Er war seit 1874 Mitglied der „Leopoldina“ in Halle, der ältesten naturwissenschaftlich-medizinischen Akademie der Welt. Und er war Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Kaiserlichen Biologischen Anstalt für Land- und Forstwirtschaft, die 1898 in Berlin gegründet wurde.

Wissenschaftliches Wirken

Seit seinem Tode vor hundert Jahren wurde Julius Kühn in zahlreichen Schriften immer wieder gewürdigt und auf seine großen und bleibenden Leistungen für die Landwirtschaft und für den Pflanzenschutz hingewiesen. Dabei ist der Pflanzenschutz nur ein, aber entscheidender Teil seines großen Schaffens in der Landwirtschaft Deutschlands.

Als Mensch kann Julius Kühn in vielem mit August Hermann Francke, dem Begründer der bekannten und berühmten halleschen Stiftungen verglichen werden. Beide hatten Weltruf erlangt. Kühn wie Francke haben in ihrer Bescheidenheit, aber Entschlossenheit und Zielstrebigkeit – aus der Praxis kommend und mit ihrer Wissenschaft bis zu ihrem Tode trotzdem in der Praxis bleibend – unendlich viel erreicht. Sie wirkten beide nicht nur für die damaligen Zeiten, sondern genauer noch für heute und für kommende Generationen.

Julius Kühn hatte ein außergewöhnliches Gespür für praktische Abläufe in der Landwirtschaft und eine unbändige Leidenschaft zum Lernen und Forschen. Seine umfangreichen Arbeiten und Forschungen im Acker- und Pflanzenbau sowie in der Tierhaltung und Tierzucht, in der Fütterung, Agrarökonomik und anderem, z. B. auch erste Versuche zur Einführung der Drillsaat oder zur Düngung, z. B. dem Aufschluss von Knochenmehl mit Schwefelsäure, waren Vorläufer für spätere Forschungsarbeiten. Gleichzeitig hat er jahrzehntelang, beginnend während seiner langen Praxisjahre in großen landwirtschaftlichen Betrieben, aktuelle Fragen des Pflanzenschutzes und der Phytopathologie bearbeitet und intensive, z. T. über viele Jahre dauernde Untersuchungen und Versuche durchgeführt.

Die umfangreichsten und längsten betreffen die Rübennematoden, das Auftreten, die Biologie und Bekämpfung dieses größten und problematischsten Schädlings im Zuckerrübenanbau in Deutschland im vorvorigen Jahrhundert. Er hat bis heute seine Bedeutung nicht verloren. Auf den damals in der Provinz Sachsen 280 000 ha betragenden Anbau der Zuckerrüben richtete der Rübennematode vielfach verheerende Schäden an. Die Erträge sanken teilweise auf 25 bis 20 dt/ha. Julius Kühn wurde 1875 von der Zuckerrübenindustrie mit der Erforschung der durch Nematoden hervorgerufenen so genannten „Rübenmüdigkeit“ beauftragt. Im Rahmen seiner langjährigen Forschungen erkannte er als klare Ursache den im Boden lebenden Rübennematoden und entwickelte zur Bekämpfung das Fangpflanzenverfahren. Dadurch wurden in wenigen Jahren wieder normale Zuckerrübenerträge von 180 bis 220 Zentner pro Morgen erreicht.

Sein hierzu am 8. Januar 1889 in der entscheidenden Versammlung des Landwirtschaftlichen Centralvereins der Provinz Sachsen gehaltenes Grundsatzreferat führte mit Nachdruck zur Bildung des Vorgängers des Pflanzenschutzamts Halle, der „Versuchsstation für Nematodenvertilgung Halle/Saale“. Schon im folgenden Jahr 1890 wurde sie zur „Versuchsstation für Nematodenvertilgung und Pflanzenschutz Halle/Saale“ erweitert. Dies war die erstmalige Bezeichnung einer derartigen Institution für den angewandten Pflanzenschutz in ganz Deutschland. Der Begründer dieser ältesten Pflanzenschutzeinrichtung im Deutschen Reich war Julius Kühn. Er ist bis zu seinem Tode (1910) der Leiter der damaligen Versuchsstation gewesen; der erste Stellvertreter war Max Hollrung.

Die Ausstrahlung von Kühns jahrzehntelangen Untersuchungen ging so weit, dass die Phytopathologie in Forschung und Lehre bis zu seinem Ende in Europa und auch in den Vereinigten Staaten von Amerika weitgehend ausgebaut war. Somit galt Halle auch als erste wissenschaftliche phytopathologische Forschungsstätte in Deutschland. Die Phytopathologie ist mit Julius Kühn durch vier Hauptfaktoren zu dem geworden, was sie heute darstellt:

  • Seine jahrzehntelangen eigenen praktischen landwirtschaftlichen Tätigkeiten, Erfahrungen und Untersuchungen auf dem Ackerboden. Er war und blieb praktischer Landwirt und wurde im Gegensatz zu anderen Wissenschaftlern praktisch forschender Biologe und Phytopathologe.
  • Das Mikroskop. Mit diesem untermauerte und bewies er seine Versuchsergebnisse. Er wurde scherzhaft „Mikroskopenamtmann“ genannt.
  • Sein weit vorausschauendes organisatorisches Talent.
  • Seine überragende Tätigkeit als Hochschullehrer und als Mensch.

Bei allem muss eine bemerkenswerte Tatsache erwähnt werden:

Durch seine unermüdliche Arbeit für die Grundsteinlegung des „Landwirtschaftlichen Instituts der Universität Halle“ (27. Februar 1863) und damit auch für die Begründung des „Landwirtschaftlichen Universitätsstudiums“ hat Kühn auch im Gegensatz zu vielen anderen Wissenschaftlern der damaligen Zeit keine Reisen in andere Länder und Erdteile unternommen. Und doch ragt er in seinem gesamten Leben, in seinem Wirken, seinen unwiderlegbaren Erkenntnissen sowie auf Grund seiner umfangreichen praktischen Erfahrungen über viele andere, auch große Wissenschaftler Deutschlands in seiner Zeit hinaus. Selten haben so viele namhafte und hoch stehende Wissenschaftler, und nicht nur aus der Landwirtschaft, ihre anerkennenden Gedanken und Meinungen über Julius Kühn zum Ausdruck gebracht. Zu seinen wissenschaftlichen Brief- und Gesprächspartnern gehörten z. B. Alexander von Humboldt, Schleiden, Göppert, Cohn, Rabenhorst, Darwin, Caspary, Zeiss.

Geschichte Phytomedizin und Organisation Pflanzenschutz

Bei der Betrachtung der historischen Entwicklung der Rolle des Pflanzenschutzes während der verschiedenen Epochen muss auch die Abhängigkeit von der jeweiligen sozialen Struktur und der damit verbundenen Produktionsweise gesehen werden. Dadurch lassen sich auch heute noch vielfältige Vergleichsmöglichkeiten der Entwicklung im praktischen Pflanzenschutz und der phytopathologischen Forschung der verschiedenen Länder und Erdteile entsprechend ihrer jeweiligen landwirtschaftlichen Struktur anstellen. Den ausgebauten und effizienten Pflanzenschutzmaßnahmen und -organisationen mit wissenschaftlicher Ausbildung und moderner technischer Ausrüstung in den Industrieländern stehen z. T. noch einfache Bekämpfungsmethoden in den Entwicklungsländern gegenüber. Einen Überblick zur Geschichte der Phytomedizin und der Organisation des deutschen Pflanzenschutzes finden Sie hier.