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Julius Kühn-Institut (JKI)
Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen

Institutsleitung
Prof. Dr. Reinhard Töpfer

Adresse
Geilweilerhof
76833 Siebeldingen

Sekretariat
Sabine Martin
Tel.: 06345/41-0
Fax: 06345/41-179
zr@  julius-kuehn.  de

Veröffentlichung
Institutsflyer
Broschüre

Interview Fr. Dr. Erika Maul

Frau Dr. Erika Maul Wissenschaftlerin am Institut für Rebenzüchtung

Wir unterhielten uns mit Dr. Erika Maul.

Liebe Frau Maul, Sie sind am JKI die Verantwortliche für die Deutsche Genbank Reben (DGR). Seit wann koordinieren sie die Geschicke dieser wichtigen Rebsortensammlung?

Die Zusammenarbeit mit den anderen deutschen Rebsammlungen begann bereits 1988, unmittelbar nachdem ich meine Stelle am Geilweilerhof angetreten hatte. Wir strebten damals bereits die Duplikaterhaltung an – für die Zeit sehr fortschrittlich. Bald stellte sich jedoch heraus, dass vom Schreibtisch aus, das heißt nur durch Vergleich der Inventare, eine korrekte Duplikaterhaltung unmöglich war und der bloße Vergleich der Sortennamen sogar zur Generosion geführt hätte. Grund dafür war, dass etwa zehn Prozent der Rebsorten falsch benannt worden waren. Dies hatten ampelographische Studien ergeben, die wir Anfang der 1990er Jahre sogar europaweit angestoßen und mit über 30 Rebsammlungen durchgeführt hatten (die Ampelographie ist die Rebsortenkunde Anm.d.Red.).

Im Jahr 1983 begann am Institut für Rebenzüchtung in Siebeldingen der Aufbau des Vitis International Variety Catalogue VIVC (www.vivc.de) und so die digitale Erfassung der Rebsorten weltweit. Über 120 Rebsammlungen der weinbautreibenden Länder lieferten ihre Bestandsdaten. Diese einzigartige Katalogisierung der Rebsorten nach wissenschaftlichen Kriterien wird bis heute fortgeführt und durch Akzessions-erfassende Datenbanken ergänzt: die „European Vitis Database“ und die Deutsche Genbank Reben (https://www.deutsche-genbank-reben.julius-kuehn.de/)

Wie und wann ist die DGR entstanden?

1997 wurde mit den Basisdaten des VIVC die Europäische Vitis Datenbank www.eu-vitis.de entwickelt. Ab 2004 übernahm das JKI die Datenbank und ihre Programmierung. Dieses digitalisierte Bestandsregister europäischer Rebsortimente mit Beschreibungs- und Evaluierungsdaten, Fotos, Virusstatus und genetischen Fingerabdrücken lieferte die Blaupause für die Deutsche Genbank Reben (DGR). Mit der Programmierung wurde 2009 begonnen. Seit Juli 2010 ist die Internetseite zur Deutschen Genbank Reben online. Siehe dazu: https://idw-online.de/de/news378432.

Die Erfassung von Sortimentsbeständen und das Eliminieren von Bezeichnungsfehlern sind zweierlei. So wurde die Sortenechtheit der Akzessionen, die in der Deutschen Genbank Reben organisiert sind, erst mit dem Einsatz des genetischen Fingerabdrucks annähernd vollständig, das heißt für 93 % der Vitis vinifera-Akzessionen, geklärt. Dies gelang zwischen 2014 und 2016 in einem BÖLN-Projekt.

Wem nutzt die Genbank bzw. wer nutzt sie und wofür?

Von vielen wurde der wirkliche Nutzen der Genbanken erst in den letzten drei Jahrzehnten wahrgenommen, als der Schwund der genetischen Ressourcen in den Fokus rückte und in der Züchtung der Bedarf nach neuen Resistenzquellen, verbesserten agronomischen Merkmalen, für Inhaltstoffe usw. offensichtlich wurde. Unter den 100 Rebsorten aus dem legendären Magarach-Sortiment von der Insel Krim ist auch Dzhandzhal Kara, von der wir erst seit kurzem wissen, dass sie ein wirkungsvolles Resistenzgen (Ren1) gegen den Echten Mehltau besitzt. Die DGR nutzt Wissenschaft und Forschung, dem Weinbau und auch Privatpersonen. Alle registrierten Akzessionen können über eine Standard Material Transfer Vereinbarung (SMTA) abgegeben werden. Die Sortimente, die hinter der DGR stehen, erhalten die genetische Rebenvielfalt für künftige Weinbaugenerationen. Besonders der Klimawandel führt uns vor Augen, wie Zuchtziele sich ändern können: Zu Beginn der deutschen Rebenzüchtung vor rund 100 Jahren bis zum Ende des letzten Jahrhunderts war z.B. die Frühreife ein erklärtes Zuchtziel. Mittlerweile notieren wir einen kontinuierlich früher einsetzenden Austrieb. So setzte beispielsweise 2020 das Knospenschwellen beim Weißen Riesling 20 Tage früher ein als noch 1982. Dementsprechend früher beginnt die Reife. Der frühe Austrieb birgt die Gefahr von Spätfrostschäden, die frühere Reife einen Verlust der wertgebenden Säuren, die die Frische und Lebendigkeit der Weißweinsorten ausmacht. Somit liegt das Augenmerk bei der Züchtung pilzwiderstandsfähiger Rebsorten heute auch auf Spätreife und einem höheren Gehalt an Säuren. Genau diese Eigenschaften finden wir bei den seltenen historischen Rebsorten, die glücklicherweise in Sammlungen und in wenigen alten Weinbergen überlebt haben.

Die DGR umfasst mehrere Sammlungen, darunter unsere eigene am Standort Siebeldingen. Wer sind die anderen Partner?

Es sind neben dem JKI noch sechs Kooperationspartner an der DGR beteiligt: das Bundessortenamt (Prüfstelle Haßloch), das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz in Neustadt-Mußbach, die Hochschule Geisenheim University, das Staatliche Weinbauinstitut in Freiburg, die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg (LVWO) und die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau Veitshöchheim (LWG).

Wie viele Rebsorten und Wildarten werden in den Sammlungen der Kooperationspartner der DGR aufbewahrt?

Zunächst einmal werden in den sieben Rebsammlungen mehr Sorten und Akzessionen von Vitis-Arten aufbewahrt, als in der DGR gelistet sind. In der DGR tauchen nur Rebsorten auf, die frei verfügbar sind und daher abgegeben werden dürfen. Ausgenommen sind zum Beispiel Neuzüchtungen, die dem Sortenschutz unterliegen. Zurzeit (Stand Oktober 2020) sind in der DGR 4.284 Akzessionen von 2.633 Rebsorten registriert.

Es gibt neben der DGR auch eine EU-Genbank, wie ist die organisiert?

Die Europäische Vitis-Datenbank entstand wie erwähnt 1997. Wir entwickelten zwischen 2007 und 2011 im Rahmen des EU-Projekts GrapeGen06 eine ganz neue Struktur, die den Import und Download der Daten neu regelte. Durch einen online-Zugang ist nun jeder Kurator in der Lage, Bestandslisten und Beschreibungsdaten unter eigner Regie einzupflegen, natürlich unter Beachtung der Vorgaben, wie beispielsweise einem einheitlichen Vokabular. Auf diese Weise ist auch nach der Projektlaufzeit die Datenpflege möglich, ohne Unterstützung des Datenbankmanagers. Mit Stand Oktober 2020 sind in der Europäischen Vitis-Datenbank 59 Rebsortimente mit ca. 38.000 Akzessionen erfasst.

Sie betreuen mehrere Daten- bzw. Genbanken, bleibt neben den administrativen Tätigkeiten noch Zeit für Forschung? Und was wird erforscht?

Diese Frage trifft genau den Zwiespalt, in dem ich mich befinde. Insbesondere die wissenschaftliche Datenbank VIVC, mit fast 10.000 unterschiedlichen Nutzern im Monat, lebt von der Aktualität. Dazu müssen die Erkenntnisse aus neu erschienen Quellen unmittelbar eingearbeitet und vorher auf ihre Zuverlässigkeit geprüft werden. Das ist zeitaufwendig. Erst kürzlich wurde eine Stammbaumfunktion ergänzt, die auch komplexe Genealogien abbildet. Für die Sortenidentifikation- und Abstammungsanalyse stehen im VIVC Mikrosatellitenprofile von fast 5.000 Sorten zur Verfügung. Jetzt werden für diesen Zweck Einzelnukleotid-Polymorphismen, die so genannten SNP-Marker, vermehrt eingesetzt. Auch diese werden in den nächsten Monaten zur Anzeige und Recherche gebracht.

Die Forschung, die leider definitiv zu kurz kommt, dreht sich besonders um Rebsorten- und Vitis sylvestris-spezifische Fragen. Beispielsweise um die in Rheinhessen gefundene Blaue Zimmettraube, die ein Elternteil vom Blauen Portugieser und vom Blauen Lemberger ist und sich als direkter Nachfahre des Blauen Gänsfüßer entpuppte. So klärten wir auf, dass der Portugieser doch nicht aus Portugal, sondern aus Nordost-Slowenien stammt, nachzulesen in der 2016er Publikation in Vitis https://ojs.openagrar.de/index.php/VITIS/article/view/6490.

Im Rahmen seiner Doktorarbeit konnte mein Kollege Franco Röckel darlegen, dass der Rote Riesling aus dem Weißen Riesling entstand und nicht umgekehrt. (Siehe  dazu die JKI-Presseinfo: https://idw-online.de/de/news665092). Überraschend war auch, dass die in Österreich zum Uhudler-Wein ausgebaute „Concord“ ein Enkel der französischen Weißweinsorte Semillon ist (hier nachzulesen: https://idw-online.de/de/news651214).

Dass wir als JKI die Genbank wissenschaftlich koordinieren ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal unserer Arbeit als forschende Behörde. Ist das Fluch oder Segen?

Die Erhaltung der Rebenvielfalt auch für zukünftige Fragestellungen und Züchtungsaufgaben ist eine essenzielle Aufgabe. Ich selbst empfinde es als einen Segen, denn wir haben es in der Hand, durch unsere Arbeit die Sicherung der genetischen Ressourcen zu garantieren.

Was wünschen Sie sich für die DGR?

Für die Arbeit in der DGR und um den VIVC mit aktuellen und neuen Inhalten zu füllen, bedarf es auf jeden Fall einer besseren personellen Ausstattung. Für unsere Datenbanken ernten wir großes Lob, sie könnten jedoch weitaus attraktiver sein, optisch und inhaltlich.  
 
Sie gehen bald in den Ruhestand, welchen Rat würden sie gern ihrer Nachfolgerin/Nachfolger mitgeben?

Die Beschäftigung mit Rebsorten und der Ampelographie, der immensen Vielfalt, die Aufklärung von Herkünften, Migration, Abstammung, die europäische Wildrebe haben mich immer fasziniert. Manches dabei ist richtig „Knochenarbeit“. Oft dauerten Recherchen viel länger als gedacht. Wichtig ist es, geduldig zu sein und Ruhe zu bewahren. Der gute Kontakt mit den Kollegen weltweit hat sich immer bezahlt gemacht und nutzt den Inhalten unserer Datenbanken. Auch die Liebe zu Sprachen ist ein Plus, denn die ampelographischen Werke sind natürlich in allen Landessprachen verfasst.

Anlässlich der Gründung bzw. Freischaltung der DGR gab es Ausgefallenes zur Weinprobe, etwa Weißer Heunisch, Vitis sylvestris aber auch „huntscher und frentscher Wein“, was war die Idee dahinter?

Zur DGR-Freischaltung wollten wir natürlich was Besonderes bieten. Dazu gehörten die Weine von alten Sorten wie Blauer Gänsfüßer und Weißer Heunisch. Außerdem gab es die im Mittelalter üblichen Verschnitte von besseren Rebsorten (Vinum francium) und die Verschnitte von Massenträgern, die eher wässrigen Wein lieferten (Vinum hunicum). Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es in ganz Europa üblich, mehrere Sorten in einen Weinberg zu pflanzen. Eine solche Anlage wird als gemischter Rebsatz bezeichnet. Dieser war von Vorteil für die seltenen Sorten aus längst vergangener Zeit. Er sicherte ihr Überleben, und gleichzeitig bescherten die wiederentdeckten alten Sorten Kenntnisse zur Migration und Abstammung von Rebsorten. (Am wohl aufsehenerregendsten war die Klärung der Abstammung der renommierten französischen Rebsorte Merlot. Sie entspringt der Kreuzung von Magdeleine Noire des Charentes x Cabernet franc. Einzelstöcke von Magdeleine Noire des Charentes hatten die Wissenschaftler an alten Gebäuden stehend im Cognac-Gebiet entdeckt. Nicht ganz so spektakulär und doch aufschlussreich war der Fund von zahlreichen Traminer-Kindern in alten und aufgelassenen deutschen Weinbergen. Die eher kleinbeerigen und wenig ertragreichen Sorten waren vermutlich in den Zeiten, als der Zehnte an die Feudalherren abzuliefern war, in Ungnade gefallen. Heute räumt ihnen der Qualitätsweinbau als Nischensorten eine Chance ein.) Zu guter Letzt wurde auch der säurebetonte extraktreiche Wein aus Vitis sylvestris kredenzt, um den langen Weg von der Wildrebe zur Rebsorte erlebbar zu machen.

Lesetipp
Dank eines Seminars an der TU-Braunschweig entstand ein umfangreicher Artikel über den Werdegang der Rebsammlung in Siebeldingen. Darin wird im Detail die Entstehung der Datenbanken beschrieben. (Maul E. (2016): Die Reben (Vitis L.) Datenbanken als bibliographisches und virtuelles Register. Seminar: Theorien der Lebendsammlung: Biofakte in Bank, Bibliothek und Archiv. Ring-VL am Seminar für Philosophie, SoSe 2016 am 02.05.2016. Technische Universität Braunschweig).
2 Links: https://www.openagrar.de/receive/openagrar_mods_00039386;jsessionid=84EF24E05ECED3BDFD86AAD3764E9C12

https://www.openagrar.de/receive/openagrar_mods_00039389

Liebe Frau Maul, ganz herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch. (Das Gespräch führte Stefanie Hahn, Pressereferentin am JKI)