Herr Pistorius, Glückwunsch zu 10 Jahren Institut für Bienenschutz im Jahr 2026. Wie fällt ihr Rückblick aus?
Wissenschaftlich hat sich wahnsinnig viel getan. Besonders schön finde ich, dass wir neben der Ökotoxikologie auch den Bereich der Agrarökologie kontinuierlich ausgebaut haben. Wir sind jetzt, was die Erforschung von Wildbienenarten in Stadt und Land angeht gut aufgestellt. Auf allen unseren Gebieten haben wir uns national und auch international gut vernetzt und etabliert.
Vom 24.-26. März 2026 hat ihr Institut die „73. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der Institute für Bienenforschung“ in Braunschweig ausgerichtet, was bedeutet das für Sie?
Mit der erneuten Rolle als Gastgeber dieser nationale Fachtagung schließt sich für die Bienenforschung am JKI ein Kreis: 2016, im Jahr unserer Institutsgründung, hatten die Kolleginnen und Kollegen der damaligen „Arbeitsgruppe für Bienenschutz“ erstmals die Jahrestagung ausgerichtet. Und nun 2026, im zehnten Jahr unseres Bestehens, folgten 160 Forschende aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, Luxemburg, Polen und den Niederlanden unserer Einladung und diskutierten in den modernen Tagungsräumen des Braunschweiger Medienhaus aktuelle Forschungsergebnisse.
Sehen sie eine bestimmte Tendenz in der Bienenforschung?
Die in Vorträgen und Postern vorgestellten Inhalte in den Sektionen „Bienenschutz & Pflanzenschutz“, „Bienenpathologie“ sowie „Ökologie, Wildbienen und Bestäubung“ zeigen, wie sich die Bienenforschung in den vergangenen Jahren kontinuierlich auf alle Bienenarten ausgeweitet hat, wie aufgeschlossen die Community neuen Forschungsmethoden gegenübersteht und wie aktiv sie sich mit anderen Wissenschaftsbereichen vernetzt.
Was ist das für Sie Faszinierende an Bienen?
Das Bienenvolk ist ein komplexes und hoch flexibles Wesen. Es ist viel älter als wir Menschen und hat so viele faszinierende Mechanismen – wie sie miteinander kommunizieren, wie sie ihre Probleme bewältigen, wie sie damit zurechtkommen, dass Imker ständig etwas mit ihnen machen. Da ist so viel, dass ich das nicht in wenige Worte fassen kann.
Wie hat bei ihnen das Interesse am Bienenthema begonnen?
Mit dem Honig. Nachdem ich über die Ökotoxikologie im Agrarbiologie-Studium eher zufällig zur Untersuchung von Pflanzenschutzmittelrückständen und deren Auswirkungen auf Bienenvölker gekommen bin, habe ich auch mit dem Imkern angefangen. Das dann aber gleich sehr intensiv.
Sollte man Imker sein, wenn man Bienen erforscht?
Ich finde ja: Gerade die imkerlichen Beobachtungen vermitteln Verständnis für ein Bienenvolk – auf was es wie und warum reagiert, welche Probleme auftreten, welche Interaktionen es zwischen verschiedenen Faktoren wie Management und Krankheiten sowie anderen Einflüssen gibt. Ich glaube, dass imkerliches Wissen essenziell ist. Jedes Jahr ist anders, und man lernt immer etwas Neues über Bienen. Das führt zu einem umfassenderen Verständnis des Wesens des Bienenvolks. Bienen zu halten, ist nicht schwer. Aber ein guter Imker zu werden und Bienen zu verstehen, das braucht Jahrzehnte.
Die Honigbiene wird landläufig als drittwichtigstes Nutztier hinter Rind und Schwein bezeichnet. Ist da etwas dran?
Auf jeden Fall. Das zeigen ökonomische Berechnungen zu Bestäubungsleitungen und Ertrag. Bienen haben als Bestäuber eine große Bedeutung für Landwirtschaft, Umwelt und eigentlich das ganze Leben auf dem Planeten.
Erhalten Bienen denn die entsprechende wissenschaftliche und politische Aufmerksamkeit?
Tatsächlich hatte die Aufmerksamkeit für unser Fach seit 2008 stark zugenommen. Der Bund und das JKI haben viel investiert, um die Bienenforschung auszubauen. Damit stehen wir allerdings gegen den akademischen Trend. Und wenn man sich anschaut, wie viel Geld in Agrarforschung insgesamt fließt, wie viele Menschen mit den anderen Nutztieren beschäftigt sind und wie klein im Vergleich dazu die Bienenforschung ist, dann ist die Biene noch immer unterrepräsentiert.
Als Pressestelle wissen wir, dass Bienenthemen immer auf großes mediales Interesse stoßen. Welche Auswirkungen hat das?
Wir freuen uns über viele Anfragen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen, und das nicht erst seit unserer Institutsgründung. Diese ungebrochene Aufmerksamkeit führt allerdings weiterhin dazu, dass die Biene in Schlachten gezogen wird, in denen es eigentlich gar nicht um Bienenschutz geht. Es gibt einige Organisationen, die vordergründig mit der öffentlichkeitswirksamen Biene argumentieren, aber letztlich ganz andere ideologische Interessen verfolgen. So verallgemeinern einige NGOs die reale Bedrohung mancher Wildbienenarten, um pauschal und basierend auf einer ausgesprochen wackeligen Datenlage einen Generalangriff auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu fahren.
Die Berichterstattung zu Bienen hat immer noch diesen apokalyptischen Unterton. Was ist dran am „Bienensterben“?
Ich halte nichts von diesem Begriff. Er ist mir zu undifferenziert. Es gibt eine Vielzahl von Ursachen dafür, dass Bienen sterben – von natürlichen Ereignissen bis zu menschlichen Einflüssen. Die häufig erwähnten Überwinterungsverluste von bis zu 30 Prozent der Völker sind nicht falsch. Aber deswegen stirbt die Honigbiene nicht aus, denn diese Verluste werden durch die Imker kompensiert. Darüber hinaus gibt es punktuell akute Vergiftungen durch Pflanzenschutzmittel, jedoch mit abnehmender Tendenz, wie wir aus der bei uns angesiedelten Untersuchungsstelle für Bienenvergiftungen (UBiev) wissen. Weniger auffällig ist die schleichende Schwächung von Völkern im Lauf der Saison. Ein schwaches Bienenvolk mag möglicherweise nicht eingehen, es liefert aber auch keinen Honig und bringt keine hohe Bestäubungsleistung. Die Ursachen solcher Schwächungen erforschen wir am JKI weiterhin.
Wie geht es den Bienen in Deutschland? Und welchen Einfluss hat die Landwirtschaft darauf?
Den Honigbienen geht es zumeist gut, auch wenn es Regionen und Situationen gibt, in denen das aus unterschiedlichen Gründen anders ist. Generell sind die Populationen in Deutschland aber nicht bedroht. Anders ist es bei den Wildbienen. Unter den etwa 600 Arten in Deutschland prosperieren einige zurzeit, insbesondere die Generalisten wie viele Hummelarten. Bei den Spezialisten, die auf bestimmte Nahrungspflanzen und Nistplätze angewiesen sind, sieht es zum Teil schlechter aus. Das sind auch die Arten, die unter unserem Umgang mit der Umwelt leiden. Das betrifft nicht nur die landwirtschaftliche Praxis, etwa weil sie zumeist auf Nahrungspflanzen spezialisiert sind, die wir nicht anbauen, sondern auch Städtebau, Landschaftsgestaltung usw.
Landwirtschaft und Bienenschutz werden häufig als Gegensätze dargestellt. Ist es überhaupt sinnvoll, dass das Bienenschutzinstitut an einer Agrarforschungseinrichtung angesiedelt sind?
Ich halte das sogar für ideal. Dass wir Landwirtschaft brauchen, ist unbestreitbar, aber wir wollen, dass sie nachhaltig betrieben wird. Die Wirkung von Pflanzenschutzmitteln, Unkrautbekämpfung, die Bewirtschaftung der verschiedenen Kulturen, verbesserte Anwendungstechnik etc. – all diese Themen stehen in direkter Verbindung zu Fragen des Bienenschutzes. Es ist unabdingbar, den Bienenschutz mit der landwirtschaftlichen Praxis zu verknüpfen, denn die Biene ist immer und in allen landwirtschaftlichen Verfahren in irgendeiner Form betroffen. Und welchen Sinn hat „reine“ Bienenforschung, wenn sie mit der landwirtschaftlichen Realität nichts zu tun hat? Aus realitätsfernen Laborversuchen lässt sich auch nicht ermitteln, auf was wir uns in der Zukunft einstellen müssen.
Was sind die zentralen Fragen, denen sich Ihr Fachinstitut für Bienenschutz widmet in der Ökotoxikologie?
In der Ökotoxikologie ist die Untersuchung von Mischungen verschiedener Stoffe sowie von subletalen Effekten von Pflanzenschutzmitteln weiterhin relevant. Da müssen wir neue Versuchsmethoden entwickeln, um solche Effekte realistisch zu bewerten. Denn häufig lassen sich Effekte, die im Laborversuch auftreten, im Freiland nicht mehr feststellen. Das betrifft zum Beispiel Verhaltensänderungen bei Individuen, die aber auf Ebene des Volkes keine Rolle spielen. Da der chemische Pflanzenschutz immer weiter eingeschränkt wurde, gewinnen biologische Mittel zunehmend an Bedeutung. Zu denen gibt es aber noch keine angemessenen Prüfrichtlinien. Wir messen da mit zweierlei Maß: Auf synthetische Mittel schauen wir bildlich gesprochen mit der Lupe oder gar mit dem Mikroskop, bei biologischen Mitteln schauen wir bestenfalls durch ein trübes Milchglas. Dabei können sich die im biologischen Pflanzenschutz genutzten Bakterien, Pilze und Viren in den verschiedenen Klimazonen eines Bienenstocks unterschiedlich gut etablieren und vermehren. Um die Folgen davon abzuschätzen, müssen die Prüfrichtlinien angepasst werden.
Was erforscht das Bienenschutzinstitut des JKI im Bereich Agrarökologie?
In der Agrarökologie überprüfen wir, welche Maßnahmen wirklich sinnvoll sind. Es gibt beispielsweise viele schöne Blühmischungen auf dem Markt. Aber bringen die wirklich etwas? Und was soll überhaupt erreicht werden? Soll die Artenvielfalt erhöht werden oder die Zahl der Individuen bereits vorhandener Arten? Oder sollen gezielt bestimmte seltene Arten gefördert werden? Wir entwickeln Konzepte für diese verschiedenen Ziele und prüfen sie. Da geht es um die Zusammenstellung der Pflanzungen, die Vernetzung von Lebensräumen, die Zahl und Größe ökologischer Trittsteine zwischen diesen Habitaten und vieles mehr.
Das Gespräch führten der ehemalige Pressereferent Johannes Kaufmann (2021) und JKI-Pressesprecherin Stefanie Hahn (2026)