Springe direkt zu:
Service Navigation

Pflanzenschutzmittel

Bei Pflanzenschutzmitteln handelt es sich um natürliche oder chemisch hergestellte Stoffe. Sie sollen Krankheiten, Schädlinge und Unkräuter bekämpfen, die Getreide, Mais, Kartoffeln, Obst, Gemüse, Zierpflanzen, Reben, Bäume oder andere Kulturpflanzen bedrohen. Jedes Mittel enthält in der Regel einen Wirkstoff und verschiedene Beistoffe, die dafür sorgen, dass Blätter besser und gleichmäßiger benetzt werden oder dass ein Mittel nicht zu rasch durch UV-Strahlung unwirksam wird. 

Alle Mittel werden in einem extrem aufwändigen Verfahren geprüft. Auch die Prüfung der Wirkstoffe erfolgt seit Ende der 1990er Jahre innerhalb der Europäischen Union nach einem einheitlichen Vorgehen („Harmonisierung“). Details dazu finden Sie bei der Zulassungsbehörde (www.bvl.bund.de).

Das JKI bewertet im Zulassungsprozess den Bereich Wirksamkeit. Die Abschätzung von Risiken und Folgen durch die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln, so zum Beispiel die Gefährdung für Bienen oder das Risiko der Entwicklung von Resistenzen, sind ebenfalls Aufgaben des JKI. Im Thema „Das JKI als Behörde“ finden Sie weitere Informationen zum Ablauf der Zulassung und den Aufgaben des JKI.

Bewertung bei Zulassungsverfahren

Pflanzenschutzmittel bzw. die darin enthaltenen wirksamen Substanzen werden nach einem fest definierten Ablauf genau geprüft und bewertet. Für die Wirkstoffe gelten EU-weit abgestimmte einheitliche Regelungen und Zulassungsverfahren. Pflanzenschutzmittel werden national zugelassen. In Deutschland ist das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) die zuständige Behörde. Das JKI bewertet den Bereich Wirksamkeit, Bienengefährlichkeit u. a.. Details zu den Aufgaben des JKI finden Sie beim Thema „Das JKI als Behörde“.

Lückenindikation: Radieschen, Himbeere oder Weihnachtsstern

Was passiert mit Lücken im Pflanzenschutz – Pflanzenschutz in kleinen Kulturen

Auf dem Großteil der landwirtschaftlich genutzten Fläche werden weltweit nur noch wenige Nutzpflanzen angebaut. In Deutschland sind es Weizen, Gerste, Roggen, Mais und Raps. Selbst die Flächen mit Kartoffeln und Zuckerrüben nehmen ständig ab. Über 1.000 weitere verschiedene wertvolle und sowohl ökonomisch als auch ökologisch bedeutsame Pflanzenarten werden auf nur ungefähr 2 % der verbleibenden Fläche angebaut (die meisten auf weniger als 600 ha, was ebenso vielen Fußballfeldern entspricht). Diese Pflanzen zählen zu den Klein- bzw. Kleinstkulturen. Hierzu gehören Gemüse- und Zierpflanzen, Arznei- und Gewürzkräuter sowie viele Obstkulturen.

Für den Schutz dieser Pflanzen stehen nur wenige Mittel und Verfahren zu Verfügung. Hintergrund ist, dass Pflanzenschutzmittel nur dann verwendet werden dürfen, wenn sie speziell in der jeweiligen Kultur und gegen den jeweiligen Schadorganismus zugelassen sind (Indikationszulassung). Für all diese so genannten Kleinkulturen und ebenso für besondere Pflanzenschutzprobleme bei anderen Kulturpflanzen (Hauptkulturen) ist eine Zulassung für die Industrieunternehmen unwirtschaftlich. Es entstehen sog. „Lücken“, wenn für Schädlinge oder Krankheiten keine zugelassenen Pflanzenschutzmittel erhältlich sind.

2014 gründete sich die Bund-Länder-Arbeitsgruppe Lückenindikationen (BLAG-LÜCK). Sie arbeitet intensiv an nicht-chemischen und begründeten Ausnahmeregelungen für chemische Lösungswege, um für den integrierten und den ökologischen Landbau geeignete Verfahren bereitzustellen. Im JKI ist neben zahlreichen eigenen Forschungsarbeiten die Geschäftsstelle des BLAG-LÜCK angesiedelt. Aufgrund der besonderen Bedeutung dieser Aufgaben ist im JKI dafür eine Stabsstelle eingerichtet worden. Im europäischen Rahmen entwickelte das JKI zusammen mit dem Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinpfalz eine internationale Datenbank zum Thema Lückenindikationen (www.eumuda.eu) und unterhält ein Wissensportal mit umfangreichem Informationsangebot (http://lueckenindikationen.julius-kuehn.de/).

Im Rahmen der EU-Initiative C-IPM, mit dem Strategien zur Weiterentwicklung des integrierten Pflanzenschutzes forciert werden sollen, ist der Pflanzenschutz in kleinen Kulturen ein Arbeitspaket (WP3), an dem das JKI aktiv mitarbeitet (http://c-ipm.org/what-is-c-ipm/).

Das JKI liefert auch die wissenschaftliche Expertise im ‚Verbundvorhaben Lückenindikationen‘, dessen Ziel es ist, die nationalen Strukturen beim Schließen von Lücken zu unterstützen.

Im Juli 2017 verlängerte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) die Förderung des Modell- und Demonstrationsvorhabens „Verbesserung der Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln für kleine Kulturen in Gartenbau und Landwirtschaft“ http://www.bmel.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/2017/064-Lueckenindikationsvorhaben.html

Hintergrundinformationen
(Quelle: Statist. Bundesamt)
Anbaufläche für verschiedene wichtige Kulturen, die alle zu kleinen Kulturen zählen (Beispiele): Speisezwiebel (10.339 ha, 2015), Kirschen (7.214 ha, 2015), Möhren (9.649 ha, 2015), Endivien (499 ha, 2015)

Zum Vergleich: Ackerlandfläche: 11.876.000 ha (2013), davon ca. 6,5 Mio. ha Getreide, Waldfläche: ca.10,8 Mio. ha

Auswirkungen und Verbleib

Selten wirkt eine Substanz, ohne Nebenwirkungen zu haben (Keine Wirkung ohne Nebenwirkung). Das gilt nicht nur in der Medizin. Im JKI geht es oft um die erwünschte oder auch unerwünschte Wirkung von Pflanzenschutzmitteln und deren Wirkstoffen, aber auch um Düngemittel, Schwermetalle und mehr. Untersucht wird, wie sie auf und in der Pflanze transportiert werden, wo sie verbleiben (im Boden, im Wasser oder in verschiedenen Nahrungsketten) und wie und wo sie abgebaut werden.

Im JKI wird nicht jeder der organischen und anorganischen Stoffe bis ins Detail untersucht. Unsere Experten entwickeln – auch zusammen mit nationalen und internationalen Netzwerken – aussagesichere, oft komplexe Methoden und Konzepte, um Stoffe zu untersuchen, die für unsere Politikberatung relevant sind.

Zur Beurteilung der Auswirkungen auf die belebte Umwelt werden häufig sogenannte Stellvertreterorganismen ausgewählt. So zum Beispiel für den Boden Regenwürmer und Mikroorganismen, für den oberirdischen Bereich nützliche Insekten und Spinnentiere sowie Honigbiene, Hummeln, Laufkäfer oder Raubmilben. Ökotoxikologische Testmethoden wurden entwickelt und werden weiterentwickelt, standardisiert und auf nationaler und internationaler Ebene in den Gremien des DIN, der ISO oder der OECD harmonisiert.

Noch nicht ausreichend bekannt ist, wie sich die auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebrachten Stoffe auf Kleingewässer auswirken. Hierzu zählen alle Gewässer, die kleiner als 0,5 qkm sind oder fließende Gewässer mit einem Einzugsgebiet von weniger als
10 qkm. Die Freilanduntersuchungen im JKI werden durch Labor- und andere Versuche ergänzt und erweitert.

Stähler M, Süß A, Schmidt H, Strassemeyer J, Golla G (2014) GIS-basierte Auswahl von Ackerbaustandorten für Erhebungen zum Status quo der Pflanzenschutzmittelbelastung von Kleingewässern. Julius-Kühn-Archiv 447: 584.

Sind Substanzen von hoher gesellschaftlicher Bedeutung, entwickelt das JKI Methoden für ein Monitoring. Derartige Methoden, umfangreiche Analysen und Tests wurden beispielsweise für das Pflanzenschutzmittel Kupfer durchgeführt. Vor allem im Obst- und Weinbau und im Hopfenanbau wird das Schwermetall Kupfer seit etwa 150 Jahren eingesetzt. Als natürlicher Stoff ist er auch im ökologischen Anbau erlaubt und dort häufig das einzige zur Verfügung stehende Mittel gegen bestimmte Pilzkrankheiten, die enorme Schäden anrichten können. In sehr aufwändigen mehrjährigen Forschungsarbeiten ermittelte das JKI den Kupfergehalt in verschiedenen Böden und die Auswirkung auf Regenwürmer. In der EU ist Kupfer als Wirkstoff bis Ende 2018 zugelassen mit der Forderung, dass die Mitgliedsstaaten Maßnahmen ergreifen, die Anwendung von Kupfer drastisch zu reduzieren. Seit 2011 führt das JKI neben seinen Forschungen u. a. zusammen mit dem BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V.) Fachgespräche durch und unterstützt die Praxis damit, die Kupfermenge weiter zu reduzieren und Alternative zu erarbeiten (alle Informationen dazu in unserem Wissensportal „Kupfer“). Die heute ausgebrachten Kupfermengen sind bereits sehr gering. Jedoch fehlen trotz zahlreicher Ansätze – auch des JKI - bisher noch wirksame und umweltfreundliche Alternativen.

Derzeit stehen glyphosathaltige Herbizide (Mittel gegen Unkräuter) in der politischen und öffentlichen Diskussion. Mit Hilfe von Glyphosat ist es möglich, viele Böden ohne den Pflug (nicht wendend) zu bearbeiten und die neue Saat direkt einzusäen. So können Dieselkraftstoffe gespart und CO2-Emissionen vermieden werden. Auch die Wirkungen auf Nicht-Zielorganismen wie Regenwürmer, bodenlebende Insekten, Springschwänze u.v.m. sind im Vergleich zum Pflügen meist positiv. Außerdem wird die Bodenstruktur nicht beeinträchtigt und Erosion häufig vermieden. Neben der Risikobewertung im Rahmen der behördlichen Aufgaben zeigte das JKI in einer Studie im Jahr 2015 auf, wie sich ein Verzicht auf Glyphosat ökonomisch (und ökologisch) auswirken könnte.