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Inhalt: Interview mit Dr. Andreas Stahl

Seit Oktober 2020 leitet Andreas Stahl das Institut für Resistenzforschung und Stresstoleranz (RS), eines von derzeit 18 Fachinstituten unter dem Dach des Julius Kühn-Instituts. Zuvor war er lange in Gießen tätig. Dort hat er an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) im Bachelorstudium Agrarwissenschaften studiert und anschließend im Masterstudium Pflanzenproduktion. 2016 promovierte er zum Thema Stickstoffnutzungseffizienz in Winterraps. Danach leitete er am Institut für Pflanzenzüchtung der Uni Gießen eine kleine Forschungsgruppe, die sich mit Trockenstresstoleranz und Nährstoffeffizienz in Raps und Weizen beschäftigte. Im April 2026 wurde er auf die Professur für Resistenz und Toleranz von Kulturpflanzen an der JLU berufen, in einem gemeinsamen Berufungsverfahren von Universität und JKI nach dem „Jülicher Modell“.

Welche Inhalte hatten sie zur Bewerbung auf die Stelle des Institutsleiters am JKI motiviert? 

Das Arbeitsgebiet des Fachinstituts RS deckte sich stark mit meinen Forschungsinteressen. Im Studium habe ich mich mit Pilzresistenz bei Weizen beschäftigt. Von meiner Bachelorarbeit zu Fusariose an Weizen bis zu meiner Arbeitsgruppe an der Universität Gießen hatte ich im Grunde genommen das gesamte Themenspektrum des Instituts kennengelernt. Neu sind für mich allerdings die Forschung an Insekten und an Viren.

Das JKI ist ja nicht nur ein Forschungsinstitut, sondern auch eine Behörde. Macht sich da ein Unterschied zur Universität bemerkbar?

Die Umstellung war nicht so groß, dass man von einem Kulturschock sprechen könnte. Ich schätze am JKI sehr die Breite der Institute, die sich alle mit Fragestellungen der landwirtschaftlichen Pflanzenproduktion beschäftigen. Anders als an der Uni, wo die Fachbereiche so extrem divers aufgestellt sind, kann man am JKI untereinander intensiv kooperieren.

Haben Sie Lieblingsthemen, die Sie besonders interessieren?

Es fällt mir schwer, da ein einzelnes Thema zu nennen. Ich bin vielfältig interessiert und würde mein Profil nicht einer einzelnen Disziplin zuordnen. Es sind eher ganze Themenfelder wie Trockenstresstoleranz und Nährstoffeffizienz, die mich reizen. Das betrifft dann die Pflanzenzüchtung, die Pflanzenernährung und -physiologie, und diese können wiederum nicht unabhängig vom Pflanzenbau erforscht werden, weil es umfangreiche Interaktionen zwischen Umwelt und Genotyp gibt.

Also ging das Interesse an Fusariose bei Weizen oder Stickstoffnutzung bei Raps nicht von den Kulturarten aus, sondern von den untersuchten Mechanismen? 

Durchaus beides: Die Relevanz der Themen für den Anbau der jeweiligen Kulturen reizt mich.

Welches sind die wichtigsten Zukunftsthemen, denen sich Ihr Institut widmen muss?

Die Resistenz gegenüber Pilzen und Viren und damit verbunden die Übertragung mittels Vektoren, Trockenstresstoleranz und Nährstoffeffizienz. Für diese drei Themengebiete müssen und wollen wir die genetischen Determinanten erforschen. Da spielen Molekulargenetik und -genomik eine große Rolle.

Klimawandel und gesellschaftliche Anforderungen zur Reduktion von Pflanzenschutzmitteln erhöhen den Druck auf eine schnelle Züchtung. Sind neue Züchtungsmethoden dafür unerlässlich?

Auf je mehr Merkmale der Züchter selektieren soll, umso geringer wird der Selektionserfolg bei einzelnen Merkmalen. Wenn aufgrund der von Ihnen angesprochenen Gründe auf viel mehr Merkmale selektiert werden soll, ist das für die Züchtung eine große Herausforderung. Moderne Methoden wie das Genome Editing würden helfen, Merkmale, die über wenige Gene vererbt werden, gezielt anzusteuern, um dadurch mehr Kapazitäten für die anderen, komplexeren Merkmale zu haben. Dafür sind die neuen Züchtungsmethoden hoch relevant. Sie sind aber kein Allheilmittel, weil extrem komplexe Merkmale wie Trockenstresstoleranz von vielen, möglicherweise hunderten Genen beeinflusst werden. Da werden die neuen Methoden keinen schnellen Erfolg bringen. Aber sie sind ein wichtiges Werkzeug im Werkzeugkoffer der Pflanzenzüchter, auf das man nicht verzichten sollte.

Das JKI betreibt als Bundesbehörde auch Politikberatung. Sehen Sie es als Ihre Aufgabe, in dieser Hinsicht auch auf die Politik einzuwirken?

Jedes JKI-Institut hat beratende Aufgaben. Beim Genome Editing liegt die Verantwortung aber natürlich in erster Linie beim Nachbarinstitut für die Sicherheit biotechnologischer Verfahren bei Pflanzen. Wenn unsere Themen betroffen sind und die wissenschaftliche Evidenz vorhanden ist, würde ich mich aber für die Nutzung dieser Methoden beratend stark machen.

Haben Sie schon Ideen, in welche Richtung Sie Ihr Institut entwickeln möchten?

Im Prinzip geben die Themenfelder die Entwicklung vor. Da ist das Institut auch bereits sehr gut aufgestellt. Auf einigen Gebieten sind methodische Neuerungen zu erwarten. Das betrifft das Next Generation Sequencing bei der Genomuntersuchung oder die digitale Phänotypisierung, die zunehmend an Bedeutung gewinnen wird. Diese Methoden werden wir in den kommenden Jahren etablieren. Da geht es zum Beispiel darum, wie sich quantifizieren lässt, dass ein Genotyp trockenstresstoleranter ist als ein anderer. Beispiele dafür sind Phänotypisierung im Feld mittels Drohnen und Präzisionsphänotypisierung im Gewächshaus, etwa um die Transpirationsraten von Pflanzen über den Tagesverlauf zu messen.

Noch ein paar Fragen zur Person und zum Werdegang

Wo kommen sie her?

Ich komme aus der Region Limburg an der Lahn, am südlichen Rand des Westerwalds. Obwohl meine Eltern keinen beruflichen Bezug zur Landwirtschaft hatten, habe ich in der Jugend viel auf einem landwirtschaftlichen Betrieb gearbeitet und Einblicke in die Praxis erhalten. Mein Abitur absolvierte ich an einem ernährungswissenschaftlichen Gymnasium mit den Schwerpunkten Biologie und Ernährungswissenschaften. Die Naturwissenschaft entlang der Wertschöpfungskette bis zum landwirtschaftlichen Produkt hat mich schon immer interessiert. 

Ein eher ungewöhnliches Interesse für einen Jugendlichen ohne landwirtschaftlichen Hintergrund.

Ich bin schon als Zehnjähriger gern auf dem Traktor oder Mähdrescher mitgefahren. Dabei habe ich dann festgestellt, dass mich nicht nur die großen Maschinen interessieren, sondern dass die Biologie der Landwirtschaft mindestens genauso spannend sein kann.

Sie stehen noch ziemlich am Anfang Ihrer wissenschaftlichen Karriere. Ist da nicht der Reiz groß, die Freiheiten der akademischen Forschung zu genießen, statt an einem Bundesinstitut zu arbeiten?

Eigentlich nicht. Wir haben hier sehr spannende Aufgaben. Unser Institut steht vor der Herausforderung, Antworten auf große gesellschaftliche Fragen zu geben. Wenn zum Beispiel weniger Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden sollen, müssen die Kulturarten resistenter gegen Krankheiten werden. Wenn weniger mineralischer Dünger eingesetzt werden soll, wird die Nährstoffeffizienz umso wichtiger. Und nach den vergangenen drei Jahren muss man wohl niemandem mehr erklären, warum auch in Deutschland und Mitteleuropa die Trockenstresstoleranz von Bedeutung ist. Es reizt mich sehr, zusammen mit dem gesamten JKI an diesen großen Fragestellungen zu arbeiten.

In Gießen haben Sie ein kleines Team betreut, jetzt sind Sie verantwortlich für ein ganzes Institut und seine Mitarbeiter. Ist das eine große Umstellung?

Der Anteil des Arbeitstages, den ich mit Organisation, Administration und Management verbringe, ist zweifellos größer. Aber das mache ich gerne. Ich habe Freude daran, die kleinen Stellschrauben zu finden, um sie so zu drehen, dass Projekte gut durchgeführt werden können, gleichzeitig das Kollegium zufrieden ist und wir im Team gut arbeiten können. Forschung ist wie ein Mannschaftssport. Ein gutes Arbeitsklima ist wichtig, damit jeder seinen Beitrag leisten kann. Insofern bin ich sehr froh, dass ich hier auf ein sehr fachkundiges und nettes Team getroffen bin. Das hat mir den Einstieg leicht gemacht.