Seit Mai 2026 forscht Dr. Izhar Ullah von der Ondokuz Mayis University im türkischen Samsun mittels eines Alexander von Humboldt-Stipendiums für Postdocs am Julius Kühn-Institut (JKI) in Dresden, wo die Züchtungsforschung an Obst angesiedelt ist. Wir wollten wissen, warum der Humboldt-Stipendiat das Fachinstitut in Dresden als Gastgebereinrichtung ausgewählt hat und was ihn antreibt.
Inhalt: Mit Humboldt-Stipendiat Dr. Izhar Ullah ist „gut Kirschen essen“
Herr Ullah, warum interessieren Sie sich so sehr für Pflanzengenetik und Genomik?
Schon während meiner Schulzeit hat mich fasziniert, wie Pflanzen auf ihre Umwelt reagieren und dass sie Abwehrmechanismen gegen Krankheiten und andere Stressfaktoren entwickeln. Aus diesem Interesse entstand die Motivation, besser zu verstehen, was auf genetischer und molekularer Ebene in den Pflanzen passiert.
Pflanzengenetik und Genomforschung birgt ein enormes Potenzial, um die Gene und molekularen Mechanismen zu entschlüsseln, die den Resistenz- und Toleranzeigenschaften zugrunde liegen. Bei meiner Forschung geht es konkret um die genetischen Grundlagen der Krankheitsresistenz bei Kirsche inklusive genetischer Kartierung sowie transkriptomischer Analysen. Fernziel ist es, dieses Wissen in Züchtungsprogrammen zu nutzen für eine nachhaltige und zukunftsfähige Kirschzüchtung.
Sie erforschen die Sprühfleckenkrankheit der Kirsche bzw. die Krankheitsresistenz in Prunus-Arten. Warum ist dieses Thema für die moderne Obstzüchtung so wichtig?
Die Sprühfleckenkrankheit (Cherry Leaf Spot, kurz CLS) wird durch den Pilz Blumeriella jaapii ausgelöst.Sie zählt weltweit zu den bedeutendsten Krankheiten im Kirschenanbau - und in der Türkei werden viele Kirschen produziert. Der Pilzbefall beeinträchtig die Vitalität der Bäume, die Fruchtqualität und den Ertrag erheblich. Mit neuen resistenten Kirschsorten ließe sich künftig der Fungizideinsatz reduzieren und die Produktionskosten senken.
Bei der Resistenzzüchtung kommt der Steppenkirsche Prunus fruticosa eine Schlüsselrolle zu. Diese Stammart der Sauerkirsche stellt eine wertvolle genetische Ressource für die Züchtung dar. Im Genom der Sauerkirsche sind Bereiche identifiziert worden, die auf das Teilgenom von P. fruticosa zurückgehen und mit einer Resistenz gegenüber der Kirschblattfleckenkrankheit in Zusammenhang stehen. Die genauere Erforschung der genetischen und molekularen Grundlagen dieser Resistenz kann dazu beitragen, Resistenzgene und genetische Marker zu identifizieren, die gezielt in Züchtungsprogramme integriert werden können. Langfristig ermöglicht dieses Wissen die Entwicklung widerstandsfähiger Kirschsorten und leistet durch die Pflanzenschutzmittelreduktion einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigen Obstproduktion.
Wann haben Sie zum ersten Mal vom JKI gehört, und warum haben Sie sich entschieden, während Ihres Humboldt-Forschungsstipendiums mit uns zusammenzuarbeiten?
Zum ersten Mal habe ich 2024 vom JKI erfahren – durch einen Kollegen an meiner Heimatuniversität Ondokuz Mayıs. Er war für ein Erasmus-Praktikum am JKI ausgewählt worden, konnte dieses jedoch leider nicht antreten. Daraufhin informierte ich mich über die Forschungsaktivitäten des JKI insbesondere über die Obstzüchtungsforschung in Dresden-Pillnitz.
Die Forschungsschwerpunkte des Fachinstituts haben mich sofort angesprochen. Besonders beeindruckt hat mich die wissenschaftliche Exzellenz sowie der konsequente Ansatz, Erkenntnisse aus der Genomforschung in die praktische Pflanzenzüchtung zu übertragen. Diese Kombination war ausschlaggebend für meine Entscheidung.
Wie hat das Humboldt-Forschungsstipendium Ihre wissenschaftliche Arbeit und die internationale Zusammenarbeit bislang unterstützt?
Das Humboldt-Forschungsstipendium bietet eine hervorragende Gelegenheit, mit erfahrenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten, mein Wissen über genetische Ressourcen und Zuchtpopulationen zu erweitern und gleichzeitig einen Beitrag zu den aktuellen Forschungs- und Züchtungsprojekten des JKI im Bereich Genomik zu leisten.
Das Stipendium ermöglicht mir, in einem exzellent ausgestatteten Forschungsumfeld zu arbeiten und mich mit Expertinnen und Experten auf den Gebieten der Pflanzengenetik und Obstzüchtung auszutauschen. So konnte ich mein internationales wissenschaftliches Netzwerk deutlich erweitern und zugleich enge Kooperationen mit Fachleuten am JKI sowie weiteren Forschungseinrichtungen aufbauen. Dieser intensive Austausch trägt wesentlich dazu bei, die Qualität meiner Forschung weiter zu steigern und meine internationale wissenschaftliche Sichtbarkeit zu erhöhen.
Was sind ihrer Ansicht nach derzeit die spannendsten Entwicklungen in der Pflanzenzüchtungsforschung?
Das sind die enormen Fortschritte bei den Hochdurchsatz-Sequenzierungstechnologien. Sie eröffnen völlig neue Möglichkeiten, die genetische Vielfalt von Pflanzen umfassend zu erforschen. Insbesondere Ansätze der Pangenomik liefern wertvolle Einblicke in strukturelle und funktionelle Unterschiede innerhalb einer Art und tragen dazu bei, wichtige Merkmale wie Krankheitsresistenzen besser zu verstehen.
Parallel dazu verbessern Multi-Omics-Ansätze – etwa durch die Kombination von Transkriptomanalysen, genomweiten Assoziationsstudien (GWAS) und genetischer Kartierung – die Identifizierung von Zusammenhängen zwischen genetischer Ausstattung, dem Genotyp und den äußerlich sichtbaren Eigenschaften einer Pflanze, also ihrem Phänotyp. Darüber hinaus unterstützen Fortschritte in der Genomeditierung sowie moderne bioinformatische Analyseverfahren die Entdeckung und Validierung vielversprechender Kandidatengene.
Auch die politischen Rahmenbedingungen entwickeln sich weiter: Die aktuellen Entscheidungen des Europäischen Parlaments zu genomeditierten Kulturpflanzen könnten dazu beitragen, den Einsatz moderner Züchtungstechnologien in Europa weiter voranzubringen.
Die Kombination aus Multi-Omics-Methoden und modernen Züchtungstechnologien führt zu einem grundlegenden Wandel in der Pflanzenzüchtung. Die Züchtungsforschung wird präziser, datenbasierter und effizienter. Das sind beste Voraussetzungen für die Entwicklung widerstandsfähiger, ertragreicher Sorten, die den Herausforderungen, die der Klimawandel mit sich bringt, gewachsen sind.
Das Institut liegt in einer der schönsten Obstbauregionen Deutschlands. Wie gefällt Ihnen Dresden und die Region bisher?
Ich genieße die Zeit in Dresden sehr. Die Landschaft entlang der Elbe, das reiche kulturelle Erbe der Stadt mit Sehenswürdigkeiten wie dem Pillnitzer Schloss und die umliegenden Obstanlagen beeindrucken mich. Besonders inspirierend ist, dass sich das Institut in einer der bedeutendsten Obstbauregionen Deutschlands befindet. Dadurch besteht eine enge Verbindung zwischen wissenschaftlicher Forschung und praktischer Obstproduktion.
Darüber hinaus verfügt Dresden über eine international anerkannte Wissenschaftslandschaft mit einer hervorragenden Forschungsinfrastruktur und vielfältigen Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Die Kombination aus traditionsreicher Obstbauregion und hervorragend vernetzten Forschungsumfeld macht Dresden zum idealen Standort für meine Arbeiten.
Welchen Rat würden Sie jungen Forschenden geben, die künftig im Bereich Pflanzengenetik und Züchtungsforschung arbeiten möchten?
Jungen Forschenden würde ich empfehlen, fundierte Kenntnisse in Genetik, Molekularbiologie und Datenanalyse zu erwerben. Unser Forschungsfeld wird zunehmend durch die Verarbeitung großer genomischer Datensätze geprägt, weshalb ein sicherer Umgang mit modernen Analyseverfahren immer wichtiger wird.
Ebenso entscheidend ist praktische Erfahrung mit realen Datensätzen aus Feldversuchen sowie die Bereitschaft zu interdisziplinärem Arbeiten – insbesondere die Verbindung von biologischem Wissen mit bioinformatischen Methoden. Zudem braucht es Ausdauer und wissenschaftliche Neugier, denn die Untersuchung komplexer Merkmale wie Krankheitsresistenzen erfordert häufig langfristige Forschung und intensive Teamarbeit.
Dr. Ullah, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg bei ihren Forschungsarbeiten!
Hintergrundinformation:
Ziel des Forschungsprojekts von Dr. Izhar Ullah ist es, die molekularen Grundlagen der Resistenz gegen die Sprühfleckenfleckenkrankheit bei Kirsche in Arten der Gattung Prunus zu untersuchen. Hierfür werden genetische Kartierungsverfahren mit transkriptomischen Analysen kombiniert, um Resistenzgene sowie molekulare Signal- und Stoffwechselwege zu identifizieren, die mit der Widerstandsfähigkeit gegenüber der Pilzkrankheit in Zusammenhang stehen. Seine Arbeiten tragen dazu bei, resistente Sorten für einen nachhaltigen Obstbau zu identifizieren und zugleich wertvolle genomische Ressourcen für die züchterische Entwicklung neuer, widerstandsfähiger Sorten bereitzustellen. Seit Mai 2026 ist der Postdoktorand mit Humboldt-Stipendium für insgesamt 24 Monate am JKI in Dresden tätig. Als Leiter des JKI-Instituts für Züchtungsforschung an Obst ist Prof. Dr. Henryk Flachowsky Gastgeber des Stipendiaten, der von Dr. Ofere Francis Emeriewen betreut wird.
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