Interview mit Dr. Monika Höfer zur Erhaltung von Obstartenvielfalt in der Deutschen Genbank Obst, DGO
Die JKI-Wissenschaftlerin Dr. Monika Höfer hat sich (fast) ihr ganzes Arbeitsleben lang mit Leidenschaft und Engagement für die Erhaltung der Vielfalt heimischer Obstarten und Sorten eingesetzt. Anlässlich des Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft der Vereinten Nationen und ihres Eintritts in den Ruhestand blicken wir mit ihr zurück und nach vorn.
Zur Person
Dr. Monika Höfer arbeitete bis zum Eintritt in den Ruhestand im August 2026 am Institut für Züchtungsforschung an Obst des Julius Kühn-Instituts in Dresden. Mit über 40 Jahren Berufserfahrung am Standort ist Sie Zeitzeugin der Entwicklung und des Aufbaus einer Obstsammlung von mittlerweile über 700 Apfelsorten und vielen weiteren Obst- sowie Wildarten. Als Koordinatorin der Deutschen Genbank Obst hat sie maßgeblich neue obstartenspezifische Netzwerke etabliert. Ihre Aufgaben und Forschungsgebiete waren die
- so genannte Ex-situ-Erhaltung,
- Entwicklung von Verfahren zur Kryokonservierung (in Flüssigstickstoff),
- Evaluierung von pomologischen und phänologischen Merkmalen,
- Bestimmung der Biodiversität unter Nutzung von DNA-Fingerprintprofilen,
- Zuarbeit zu nationalen und internationalen Datenbanken zu genetischen Ressourcen bei Obst,
- Verantwortung für die Materialabgabe entsprechend internationaler Bestimmungen.
Zudem war Dr. Höfer die Vorsitzende der Arbeitsgruppe Beerenobst des Europäischen Kooperationsprogramms für Pflanzengenetische Ressourcen (ECPGR) und Mitglied in zahlreichen weiteren Kooperationsprogrammen und Fachbeiräten.
Sie zeigt als Wissenschaftlerin eindrucksvoll, wie fachliche Leidenschaft, persönliche Resilienz und ein tiefes Verständnis für biologische Vielfalt zusammenwirken, um die Obstkultur von gestern für die Herausforderungen von morgen zu bewahren.
Linkliste
- Deutsche Genbank Obst
https://www.deutsche-genbank-obst.de/ - Europäisches Kooperationsprogramms für Pflanzengenetische Ressourcen ECPGR
https://www.ecpgr.org/ - JKI-Meldung zur ersten Einlagerung von Saatgut in Spitzbergen
https://www.julius-kuehn.de/aktuelles/aktuell/n/erstmals-samen-aus-jki-obstgenbank-fuer-den-tresor-im-ewigen-eis - DGO-Vorstellung auf Grüner Woche
https://www.julius-kuehn.de/zo/aktuelles-zo/n/deutsche-genbank-obst-erfolgreich-auf-gruener-woche-2025-praesentiert - Nationales Inventar Pflanzengenetischer Ressourcen (PGRDEU)
https://pgrdeu.genres.de/
Frau Höfer, warum ist es überhaupt wichtig die Obstvielfalt zu erhalten?
Die Obstvielfalt ist ein kulturelles und ein biologisches Gedächtnis. Jede alte Sorte erzählt eine Geschichte: über frühere Anbausysteme, regionale Vorlieben, Klima- und Bodenbedingungen, aber auch über das Wissen der Menschen, die sie angebaut haben. Wenn wir diese Sorten verlieren, verlieren wir nicht nur biologische Vielfalt, sondern auch ein Stück Kulturgeschichte. Gleichzeitig wissen wir nicht, welche Eigenschaften in Zukunft gebraucht werden — sei es wegen des Klimawandels, neuer Krankheiten oder veränderter Ernährungsgewohnheiten. Vielfalt ist unsere Versicherung für kommende Generationen.
Welche Rolle spielt dabei die JKI-Obstsammlung in Dresden-Pillnitz?
Als eine der größten Sammlungen Europas erhalten wir nicht nur Sorten, sondern auch Wildarten, die für die Züchtung unverzichtbar sind. Wir vernetzen bundesweit Partner, sichern Sorten durch Erhaltung an mehreren Standorten doppelt ab und stellen Material für Forschung und Züchtung bereit. Damit sind wir ein zentraler Baustein für die langfristige Sicherung heimischer biologischer Vielfalt.
Wie genau funktioniert die Erhaltung in der JKI-Sammlung?
Nur über vegetative Vermehrung, denn Obstsorten lassen sich nicht sortenecht aus Samen gewinnen. Jede Sorte muss daher als Reis oder – bei Erdbeeren – über Ausläufer vermehrt werden. In unserer Feldsammlung stehen die Pflanzen dauerhaft. Wir können sie charakterisieren und Material für Forschung und Züchtung bereitstellen. Gleichzeitig ist diese Erhaltungsform aber anfällig für Frost, Hitze oder Krankheiten. Deshalb brauchen wir immer ein Back-up, entweder in Form einer weiteren Feldsammlung, als In-Vitro-Kühllager oder die langfristige Sicherung über Kryokonservierung bei 196 °C. Erst die Kombination dieser Methoden ermöglicht eine langfristig stabile Erhaltung der Vielfalt. Das klingt einfach, bedeutet aber enorm viel Labor- und Feldarbeit, denn jede Sorte muss dauerhaft vital gehalten werden.
Woher kommen die Sorten, die in der Obstsammlung am JKI erhalten werden?
Unsere Sorten stammen aus unterschiedlichen Quellen: aus historischen Züchtungsprogrammen, alten Versuchsanlagen, regionalen Beständen und internationalen Kooperationen. Viele wertvolle Akzessionen – so nennt man die Sammlungseinheit einer Genbank – wurden ursprünglich an den früheren Standorten Müncheberg und Naumburg gesammelt, bevor die Sammlungen nach Pillnitz verlegt wurden.
Welche Rolle spielen Sammelreisen in die Ursprungsregionen der Obstarten, um die Sammlung zu erweitern?
Sammelreisen sind unverzichtbar, weil man nur vor Ort erkennt, welche genetischen Schätze noch existieren. Besonders bei Wildarten findet man Eigenschaften, die später für Züchtung und Forschung entscheidend sein können. Ich selbst war an mehreren Reisen zur Erweiterung unserer Apfelwildartenbestände beteiligt. Jede Reise hat mir aufs Neue gezeigt, wie viel Vielfalt bei den Wildarten noch verborgen ist. Die Genetische Diversität ist im Sortenpool etwa für Erdbeere, und Sauerkirsche sehr begrenzt. Einzelne Merkmale sind gar nicht vertreten z. B. Rotfleischigkeit oder die Toleranz gegenüber Triebsucht oder Birnengitterrost. Deshalb sind wir ständig auf der Suche nach neuen Resistenzdonoren, weil bereits vorhandene Resistenzen durchbrochen wurden. Wildarten zeigen eine große Diversität und waren immer schon wichtige Genomdonoren für unsere Kulturformen.
Welche Sammelreisen haben Sie gemacht?
Die größten Sammelreisen waren die in den Kaukasus, zum genetischen Ursprung des Apfels, mit abenteuerlichen Übernachtungen und tollen Landschaften. In Vietnam haben wir in sehr steilen tropischen Bergwäldern nach einer Apfelart gesucht, die ohne Frost zum fruchten kommt. Hier sind mir die herzlichen Kolleginnen besonders im Gedächtnis geblieben, das sehr unwegsame Gelände, das wir bei schwül-heißem Wetter durchqueren mussten und die Kletterkünste der einheimischen Helfer, um am Rand der Reisefelder oder im Wald die sehr hohen Bäume zu beernten.
Sammeltabelle
| Land | Jahr | Art |
|---|---|---|
| Polen (Białowieża-Nationalpark) | 2005 | M. sylvestris |
| Russland (Norkaukasus) | 2011, 2012 | M. orientalis, M. domestica, P. caucasica, P. communis, P. cerasifera, Fragaria spp. |
| Aserbaidschan und Georgien (Südkaukasus) | 2013, 2014 | M. orientalis, M. domestica, P. cerasifera |
| Deutschland (Ostseeinseln + Rheinland-Pfalz | 2019, 2020, 2021, 2023 | P. pyraster |
| Kasachstan | 2024 | Prunus sp. |
| Vietnam (zentrale Bergregion) | 2025 | M. doumeri (bisher kein Material nach Dt. überführt) |
Welche Reise hat die tiefsten Spuren hinterlassen?
Man kann die per se abenteuerlichen Sammelexkursionen nicht mit den anderen Dienstreisen vergleichen. Aber die beeindruckendste Dienstreise war die nach Longyearbyen auf Spitzbergen. Aus Anlass des „2020 Svalbard Seed Summit“ durfte ich im Februar die ersten Samenproben vom JKI übergeben. Es war einfach beeindruckend vor dem großen Eingangsportal des Global Seed Vault, das man nur aus dem Fernsehen kannte, dick eingemummt in der Dunkelheit zu stehen und mit feierlicher Musik, bei Scheinwerferlicht aufgerufen zu werden und unsere Box zur Einlagerung zu übergeben. Ins Kühllager selbst durfte man nicht aber nach der Übergabe hat jeder Teilnehmer eine Urkunde von der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Erna Solberg erhalten, die hängt heute im Vorzimmer der Institutsleitung in Pillnitz.
Zum Verständnis: Entsprechend der Regularien des Global Seed Vault hatte das JKI-Institut für Züchtungsforschung an Obst mit dem Königlichen Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung in Norwegen im Jahr 2019 ein Agreement zur Einlagerung von Samen von Wildartenmustern aus der Obstgenbank Dresden-Pillnitz geschlossen. Es wurden Samen vor allem von Akzessionen einheimischer Wildarten die durch gezielte Kreuzungen erzeugt wurden eingelagert.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren zur Erhaltung der Obstsortenvielfalt für Sie?
Für mich ist sie absolut zentral. Keine einzelne Institution kann die Obstvielfalt allein sichern. In Deutschland existieren viele regionale Sammlungen, oft mit einzigartigen Sorten und wertvollem lokalem Wissen. Durch die Deutsche Genbank Obst vernetzen wir diese Partner — von Bundes- und Landesinstitutionen über Vereine bis hin zu Kommunen. So verhindern wir, dass Sorten verloren gehen, weil sie nur an einem Ort existieren. Gleichzeitig profitieren wir vom praktischen Wissen engagierter Menschen vor Ort. Dieses dezentrale Netzwerk stärkt regionale Identität und ermöglicht gezielte Nutzungskonzepte, etwa für lokale Sorten oder regionale Vermarktung. Für mich ist das DGO-Netzwerk ein lebendiges Fundament unserer Erhaltungsarbeit. Wir arbeiten nicht isoliert, sondern als Teil einer Gemeinschaft, die sich für die Erhaltung einsetzt und das sogar über Ländergrenzen hinweg.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit auf der EU-Ebene bzw. mit anderen internationalen Sammlungen?
Natürlich eine sehr große Rolle. Wir beschäftigen uns mit Obst und da gibt es in Deutschland wenig institutionelle Einrichtungen. Deshalb habe ich den regen Austausch im ECPGR in den Arbeitsgruppen Malus/ Pyrus sowie Prunus sehr genutzt, um mich auf der europäischen Ebene auszutauschen. Da es bis 2019 keine Arbeitsgruppe für Beerenobst gab, habe ich vorgeschlagen eine solche zu gründen und wurde der erste Chair. In der europäischen Zusammenarbeit stand die Absprache für gemeinsame Ausarbeitung von Deskriptoren zur Charakterisierung und Evaluierung einschließlich der zu benutzenden SSR-Marker im Vordergrund der Zusammenarbeit.
… und auf internationaler Ebene?
Da die Erhaltung obstgenetischer Ressourcen mittels Kryokonservierung zu Beginn der 2000er Jahre in Europa kaum keine Rolle gespielt hat, habe ich neben Partnern, die sich mit anderen Pflanzenarten beschäftigt haben, im Wesentlichen einen Kontakt mit den USA aufgebaut. Hier war es Dr. Barbara Reed vom National Clonal Germplasm Respository in Corvallis, Oregon, die mich zunächst bei der Beantragung des nötigen OCED-Fellowships unterstützt hat und mir dann während meines Arbeitsaufenthaltes geholfen hat, die Methoden der Kryokonservierung bei Erdbeere zu erlernen. Aus der Zusammenarbeit sowohl in Europa als auch international haben sich bis heute viele Freundschaften entwickelt. Dafür bin ich sehr dankbar, dass ich diese vielen interessanten Forschenden kennenlernen durfte.
Was hat Sie angetrieben?
Meine Motivation hat viel mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Mit dem Zusammenbruch der DDR brach meine berufliche Welt weg. Unser Institut wurde aufgelöst, niemand wusste, wie es weitergeht, und ich hatte gerade ein kleines Kind. Diese Zeit der Unsicherheit, mit Existenzangst und der Frage, ob ich überhaupt eine Zukunft in meinem Beruf habe hat mich geprägt. Dass ich damals eine neue Stelle bekam und sogar mein Thema weiterführen konnte, war alles andere als selbstverständlich. Vielleicht treibt mich gerade deshalb bis heute der Gedanke an, dass man Verantwortung übernimmt und dranbleibt — auch wenn die Rahmenbedingungen schwierig sind. Was mich zusätzlich motiviert, ist die europäische Zusammenarbeit. Im Kooperationsprogramm für pflanzengenetische Ressourcen (ECPGR) erlebe ich, wie wichtig gemeinsame Standards, Austausch und gegenseitige Unterstützung sind.
Hat sich in den vergangenen Jahren in der Erhaltungsszene, in Politik und Gesellschaft etwas verändert, etwa bzgl. Verständnis, Wertschätzung oder der Förderung?
Ja, ich erlebe deutlich, dass sich viel verändert hat. Nach der Wende, als unser Institut aufgelöst wurde, spielte Erhaltung in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle. Heute sind Themen wie Biodiversität, Klimawandel und regionale Sortenvielfalt in der Gesellschaft angekommen. Viele Menschen suchen bewusst alte Sorten, interessieren sich für deren Herkunft und Geschmack und wollen wissen, was hinter unserer Erhaltungsarbeit steckt.
Auch politisch hat sich etwas bewegt. Förderprogramme, Netzwerke und europäische Kooperationen sind heute viel stärker etabliert. Gleichzeitig hat die Wissenschaft enorme Fortschritte gemacht — etwa in der Molekularbiologie oder in digitalen Dokumentationssystemen. Dadurch können wir Sorten besser charakterisieren und Erhaltungsstrategien gezielter planen. Trotzdem bleibt vieles mühsam: Erhaltung ist langfristig, arbeitsintensiv und oft wenig sichtbar. Aber das gestiegene öffentliche Interesse und die wachsende Unterstützung geben mir das Gefühl, dass unsere Arbeit heute stärker verstanden und wertgeschätzt wird.
Ab wann spricht man wissenschaftlich eigentlich von einer alten Sorte?
Es gibt keine richtige wissenschaftliche Definition. Bei den Baumobstarten ist eine Sorte alt, wenn sie 100 Jahre bekannt ist, also beschrieben wurde.
Wo kann man „alte“ Sorten für den eigenen Garten finden? Wer hat Infos dazu?
Da gibt es heute viele kompetente Anlaufstellen. Die Webseite der Deutschen Genbank Obst bietet viel Bildmaterial und Sortensteckbriefe. Wir beraten gern, wo bestimmte Sorten verfügbar sind und welche Alternativen es gibt. Für Leute, die selbst veredeln können, geben wir Reiser ab. Am wichtigsten sind regionale Akteure, denn viele Sorten haben einen klaren lokalen Bezug. Ein erster Schritt ist oft der Kontakt zu Baumschulen, die gezielt historische Sorten vermehren. Sehr hilfreich sind außerdem die Partner der Deutschen Genbank Obst, darunter Vereine, Stiftungen und kommunale Sammlungen. Viele von ihnen kennen regionale Besonderheiten und können Sorten empfehlen, die gut zum Standort passen. Auch der Pomologenverein bietet Sortenbestimmung und Beratung an.
Letzte Frage: Welche Obstsorte oder Wildart liegt Ihnen besonders am Herzen und warum?
Ja, tatsächlich liegen mir Renetten am Herzen, weil sie ein sehr spezielles Aroma haben. Ich mag beispielsweise die Ananasrenette, weil sie zusätzlich ein besonderes Aussehen hat. Gleichzeitig faszinieren mich die Wildarten, vor allem die Apfelwildformen. Sie sind genetisch unglaublich vielfältig, oft unscheinbar, aber voller Eigenschaften, die wir für die Zukunft dringend brauchen könnten – Robustheit, Krankheitsresistenzen, Anpassungsfähigkeit. Viele dieser Wildarten wachsen in Regionen, in denen sich kaum jemand um sie kümmert. Wenn wir sie nicht sichern, verschwinden sie einfach.